Karotten Statt Erklärung: Gatorades Stilles Geständnis
1937. Die Wissenschaft verspricht viel. Ich notiere.
Es gibt Geschichten, die beginnen mit einer Karotte. Nicht mit einer These, nicht mit einer Statistik – mit einem Wurzelgemüse, das plötzlich dort auftaucht, wo vorher ein Laborbericht hätte stehen müssen. Und weil ich dreißig Jahre lang Laborberichte gelesen habe, weiß ich: Wo ein Bericht fehlt, beginnt die Ermittlung.
Die mir vorliegende Information ist karg. Ein einziger Hinweis, weitergegeben in einer Bar am späten Abend, von jemandem, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Karotten seien verwendet worden, sagt die Quelle, als Antwort auf ein Problem. Das Problem betrifft Gatorade. Und es betrifft Robert F. Kennedy Jr. – jenen Mann, dessen Verhältnis zu industriell gefertigten Sportgetränken in Washington längst als „angepannt" gilt, was eine höfliche Umschreibung ist für das, was man früher „Kreuzverhör" nannte.
Ich notiere, was ich habe. Ich notiere vor allem, was ich nicht habe.
RFK Jr., in seiner Rolle als Gesundheitspolitiker mit missionarischem Eifer, hat wiederholt die Inhaltsstoffe von Gatorade kritisiert: Farbstoffe, Süßstoffe, Elektrolytkonzentrate, deren Zusammensetzung an das erinnert, was man in meinem alten Institut als „trinkbare Hypothese" bezeichnet hätte – also eine Annahme, die flüssig genug ist, um sie zu schlucken, bevor man die Beweise prüft. Gatorade, ein Produkt von PepsiCo, ist ein Symbol dieser Industrie. Es ist das Getränk, das den menschlichen Körper als chemische Apparatur behandelt und ihn mit dem versorgt, was die Werbung „Leistung" nennt. Kennedy nennt es, je nach Tagesform, eine Frechheit.
Was also geschieht, wenn ein Getränk, das einst für Athleten entwickelt wurde und längst zum Alltagsbegleiter geworden ist, unter politischen Druck gerät? Man könnte die Rezeptur ändern. Man könnte Forschung betreiben. Man könnte – und hier beginnt das Interessante – die Aufmerksamkeit auf etwas anderes lenken.
Karotten.
Die Karotte ist das perfekte Alibi. Sie ist orange, also unschuldig. Sie ist ein Naturprodukt, also moralisch einwandfrei. Sie enthält Elektrolyte, also funktional. Sie schmeckt süß, also markttauglich. Und sie hat einen Vorteil, den kein Laborbericht der Welt bieten kann: Man muss ihre Zusammensetzung nicht offenlegen. Eine Karotte hat keine Zutatenliste. Eine Karotte hat keine Patentnummer. Eine Karotte lässt sich nicht in einer Anhörung vorladen.
Meine Quelle sprach von einer „Lösung". Ich frage mich, ob das Wort hier korrekt gewählt ist. Eine Lösung ist in der Chemie ein homogenes Gemisch. In der Politik ist eine Lösung ein Kompromiss, der niemanden befriedigt. In der Wirtschaft ist eine Lösung ein Produkt, das ein anderes ersetzt, ohne zuzugeben, warum.
Wer also profitiert? Gatorade profitiert, weil der Druck aus Washington leiser wird. Karottenbauern profitieren, weil plötzlich eine neue Nachfrage entsteht – wobei offen bleibt, ob diese Nachfrage real ist oder nur ein PR-Strohfeuer, das in sechs Monaten verglüht. Kennedy profitiert, weil er sagen kann: „Seht ihr, es geht auch ohne." Die Verbraucher dagegen bleiben im Unklaren, denn eine Karotte ersetzt kein Molekül – sie ersetzt eine Erklärung.
Was mich stört, ist das Schweigen. Wenn Karotten tatsächlich als Antwort auf ein konkretes Problem mit Gatorade und der Politik Kennedys dienen, warum höre ich dann keine Pressekonferenz? Warum keine Stellungnahme von PepsiCo, keine Fachpublikation, keine peer-reviewte Studie, die belegt, dass Karotten in irgendeiner Weise das leisten, was ein Elektrolytgetränk leistet? Stattdessen: eine einzige Quelle, ein anonymer Hinweis, und die vage Hoffnung, dass die Karotte als Sündenbock taugt.
Dreißig Jahre Forschung haben mich eines gelehrt: Wenn ein Akteur ein neues Narrativ auf den Markt wirft, ohne die alte Erzählung zu widerlegen, dann geschieht eines von zwei Dingen. Entweder die neue Erzählung ist besser belegt – oder sie ist nur besser inszeniert. Im Fall der Karotte, soweit ich es derzeit beurteilen kann, trifft vermutlich Letzteres zu.
Meine Pfeife ist kalt. Das ist der Moment, in dem ich misstrauisch werde.
Ich bleibe dran. Denn die entscheidende Frage ist nicht, ob Karotten in irgendeinem Rezept eine Rolle spielen. Die entscheidende Frage ist, was am Tag danach geschah. Wer saß am Tisch, als die Entscheidung fiel? Welcher Lobbyist schrieb die Pressemitteilung? Und vor allem: Was wurde aus dem Problem, das die Karotte angeblich lösen sollte – wurde es gelöst oder nur zugedeckt?
Die Antwort liegt irgendwo zwischen Washington und einem Feld. Was geschah dort am nächsten Morgen, als die Sonne aufging und niemand mehr über Möhren reden wollte?
❖ Ende des Artikels ❖
