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7. September 2026

Dossier · Politik & Macht

Gloria, die Heiligsprechung — und die Frage, wer hier eigentlich trauert

7. September 2026 — — Kastner

Manche Tode sind Eröffnungen. Gloria Steinem starb am 3. September dieses Jahres, irgendwann zwischen 91 und 92, denn so genau weiß das niemand, und gerade diese Unschärfe ist bemerkenswert. Eine Frau, die ein halbes Jahrhundert lang die Genauigkeit anderer Frauen eingefordert hat, geht mit einer Zahl in die Annalen, die zwischen zwei Ziffern schwankt. Decider, der Guardian, die Familie selbst auf Instagram — alle nennen 92. Eine andere Quelle murmelt 91. Wir notieren es. Denn wer im Tod schon nicht exakt ist, wie exakt war er im Leben?

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Schon rollt die Maschine an. Schon wird aus der Aktivistin eine Ikone, aus der Ikone ein Film, aus dem Film ein Streaming-Produkt, aus dem Streaming-Produkt ein Lidschatten im Algorithmus. Zwei Stränge verdienen unsere besondere Aufmerksamkeit: das postum erscheinende Memoir "An Unexpected Life", das noch in diesem Monat erscheinen sollte, und Julie Taymors Film "The Glorias", der 2020 beim Sundance-Premiere feierte, gemischte Kritiken erntete, still in die digitale Stille geschoben wurde — weil eine Pandemie kam, die das Kino verschlang — und nun, sechs Jahre später, wieder aus den Archiven gekratzt wird, weil der Tod seiner Hauptfigur ihn plötzlich wieder verkäuflich macht.

Denn das ist die erste Wahrheit, die unsere Leser verdienen: Der Kulturbetrieb trauert nicht, der Kulturbetrieb rechnet. Steinem war 92, sie war second-wave, sie war Mitgründerin des Ms. Magazine im Jahr 1971 oder 1972, und sie war — eine Quelle behauptet es — zeitweise mit der CIA verbandelt. Eine andere schweigt. Snopes, unser Fact-Checker, würde hier eine rote Flagge hischen: Steht diese Behauptung in nur einem einzigen Dokument, ist sie vorerst nichts als Spekulation. Wir fragen trotzdem. Denn wer in den sechziger Jahren für amerikanische Geheimdienste reiste, wer in Cambridge Kontakte pflegte, wer später die Geheimnisse des Staates kannte — diese Frau? Wenn die Behauptung wahr ist, ändert sie das Bild einer ganzen Generation. Wenn sie falsch ist, ändert sie das Bild jener, die sie erfunden haben. Beide Richtungen führen in dunkle Korridore.

Doch bleiben wir bei dem, was belegt ist. Taymors Film — ein Biopic, das Steinems Leben in vier Körper zerteilt: Ryan Kira Armstrong als Kind auf der Straße, Alicia Vikander in Indien, Julianne Moore als die Ikone, die wir kennen. Drei Oscar-Gewinnerinnen im Dienst einer einzigen Erzählung. Das Drehbuch schrieben Taymor und Sarah Ruhl, die Vorlage lieferte Steinem selbst, ihr Memoir "My Life on the Road" von 2015. Eine Frau also, die ihre eigene Legende autorisierte. Bella Abzug, gespielt von Bette Midler. Dorothy Pitman Hughes, gespielt von Janelle Monae. Florynce Kennedy, gespielt von Lorraine Toussaint. Man hat sich nicht lumpen lassen. Man hat die Ikone mit Ikonen umstellt — als könnte Größe durch Nachbarschaft anstecken. Die Kritiken, das wissen wir aus der Kulturpresse, fielen verhalten aus. Das gewählte Verfahren — vier Darstellerinnen für eine Person — wurde als ambitioniert beschrieben und als fragmentiert. Taymor, die Experimentalistin, blieb Taymor. Mehr wurde aus dem Material nicht.

Und jetzt also "An Unexpected Life". Ein Titel wie ein Versprechen, wie eine Entschuldigung, wie ein Testament. Die Familie verkündet via Instagram, Steinem habe "fast ein Jahrhundert" gelebt — eine schöne, eine vage Formulung. Das Buch sei "ein Geschenk, das Gloria der Welt gemacht hat, mit der Hoffnung, dass es für Generationen nachwirke". Man beachte die Mechanik: Schon im Trauertext wird das Werk in den Markt eingeführt. Schon am offenen Sarg wird verkauft. Wer profitiert? Die Erben. Der Verlag. Das Haus, das — so die Familie — "ein Zentrum sozialer Gerechtigkeit" bleiben solle. Auch das ist ein Vermögenswert. Auch das ist eine Adresse.

Steinems Herkunft, das darf hier nicht unerwähnt bleiben, war wild. Ein Vater, der mit einer Tanzpavillon-Bude durch Amerika tingelte. Eine Mutter, die nachts im Nachthemd durch Toledo wanderte und von den Nachbarn die "Verrückte Dame" genannt wurde. Ein Mädchen, das lernte, dass Überleben eine Übung ist. Das ist der Stoff, aus dem Amerika seine Heiligen baut. Hart, beharrlich, asketisch, ein bißchen glamourös. Indien danach, zwei Jahre. Dann die Journalistin, dann das Ms. Magazine, dann der Auftritt vor dem Senat, die Brille, die langen blonden Haare, das Gesicht auf jedem Cover.

Wir fragen uns, was eine solche Frau der zweiten Welle der Frauenbewegung tatsächlich gegeben hat. Das ist die offene Frage, die wir nicht beantworten können und nicht beantworten werden. Wir können nur feststellen: Gemessen an den Strömen von Tribut, Film und Buch, die nun gleichzeitig fließen, war ihr Marktwert zum Zeitpunkt ihres Todes enorm — und an diesem Marktwert wird gerade verdient.

Wer schweigt in all dem? Die Quelle, die das Alter mit 91 angibt. Die Quelle, die von der CIA weiß. Unser Fact-Checker würde sagen: Solange nur eine Quelle spricht, ist es ein Gerücht. Wir sagen: Solange nur eine Quelle spricht, lohnt es sich, genauer hinzusehen.

Trauer ist ein Geschäft. Vermächtnis ist ein Produkt. Gloria Steinem war — bei aller Würdigung des Aktivismus, den wir nicht kleinreden wollen — am Ende auch das: eine Erzählung, die anderen gehört. Jetzt, da sie schweigt, sprechen alle. Wir empfehlen, hinzuhören. Und mitzuzählen, wer wie oft spricht, und wem das Schweigen nützt.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 4 von 5 Behauptungen belegt
  1. ZAHL Gloria Steinem starb im Alter von 92 Jahren

    „Another legend, lost: Feminist activist, icon, and author Gloria Steinem has died, at the age of 92.“ — wörtlich im Quelltext belegt

  2. ZITAT Das Buch An Unexpected Life ist ein Nachruf auf Gloria Steinem

    „An Unexpected Life by Gloria Steinem review – a fitting tribute to a feminist icon“ — wörtlich im Quelltext belegt

  3. ZAHL Der Film 'The Glorias' mit Julianne Moore über Gloria Steinem

    die vorgeschlagene Belegstelle steht so NICHT im Quelltext und wurde deshalb verworfen; das ist eine Aussage ueber den Vorschlag, nicht ueber die Quellenlage

    vorgeschlagene Belegstelle verworfen, weil so nicht im Quelltext: „The Glorias movie, a Gloria Steinem biopic starring Julianne Moore“

  4. ZITAT Sie war eine feministische Aktivistin und Journalist

    „As a prominent journalist, activist, and leading figure in the feminist movement,“ — wörtlich im Quelltext belegt

  5. ZITAT Gloria Steinem wird als zweite Welle der feministischen Bewegung beschrieben

    „It’s impossible to overstate Steinem’s legacy as a lead of the second-wave feminist movement in the 1970s.“ — wörtlich im Quelltext belegt

Herangezogene Quellen

  • 3 weitere Quellen waren beim Schreiben nicht abrufbar

5 Quellen · 4 davon belegt · 3 externe Belege · 5 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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