Javelin, Uran, Strom — Indiens dreifache Wette
In Genf habe ich einmal einen Vertrag gelesen, der mit den Worten «zum Wohle aller Unterzeichner» begann und mit der schleichenden Aushöhlung dreier Volkswirtschaften endete. Man lächelte damals, als man unterschrieb. Man lächelt heute noch, wenn man davon erzählt. Diese Woche, am 28. August 2026, lächelt Neu-Delhi aus gutem Grund.
Drei Bewegungen, ein Brett. Indien unterzeichnet mit den Vereinigten Staaten eine Letter of Offer and Acceptance über den Kauf von Javelin-Panzerabwehrraketen — gefertigt vom Javelin Joint Venture, dem Gemeinschaftsunternehmen von RTX und Lockheed Martin, bezahlt über das Foreign-Military-Sales-Verfahren. Es vertieft gleichzeitig die Beziehungen zu Usbekistan mit einer langfristigen Uranversorgung und einem Handelsziel von fünf Milliarden Dollar. Und es nimmt die Bitte Nepals entgegen, Strom nicht erst im Oktober, sondern bereits im September zu importieren — Monate früher als gewöhnlich, weil eine Flut 547 Menschen getötet hat, weitere 675 am Folgetag das offizielle Maß überschreiten sollten und die nepalesische Erzeugungskapazität um 550 Megawatt gesunken ist.
Drei Häfen, drei Geschäfte. Die offizielle Lesart des amerikanischen Botschafters Sergio Gor liegt auf dem Tisch: «growing deeper, more capable, more consequential». Das klingt nach Partnerschaft. Es klingt nach Major Defence Partnership, nach Co-Production, nach den Wörtern, die in Washington gut ankommen.
Die Handschuhe bleiben an. Schauen wir genauer hin.
Die Javelin ist ein fire-and-forget-System mittlerer Reichweite. So steht es in jedem Prospekt. Das Wort, das in den Erklärungen der indischen Verteidigungsquellen fehlt, ist ein anderes: Hochland. Das System wurde nicht für die Schluchten des Himalayas konzipiert, wo Luftfeuchtigkeit, Temperaturschwankungen und zerklüftetes Gelände die Infrarot-Zielerfassung empfindlich stören können. Ob das System unter indischen Bedingungen die versprochene Wirkung entfaltet, bleibt eine offene Frage, die weder die US-Botschaft noch das Verteidigungsministerium bislang beantwortet haben. Die Lieferungen sollen bis Ende des Finanzjahres 2026-27 im Rahmen der sechsten Tranche der Notfallbeschaffung beginnen — gedeckelt durch eine Schwelle von 300 Crore Rupien pro Ausrüstungskategorie.
Man kauft also mit Notfallbefugnissen ein Waffensystem, dessen Eignung für die eigene Geografie nicht abschließend belegt ist. Die offizielle Begründung: gestärkte Anti-Panzer-Fähigkeit nach Operation Sindoor. Die Frage, die sich stellt: Wessen Dringlichkeit wird hier eigentlich bedient — die der indischen Armee an der Nordgrenze, oder die der amerikanischen Rüstungsbilanzen an der Wall Street?
Usbekistan liefert Uran. Indien nimmt es ab. Beide Seiten sprechen von fünf Milliarden Dollar Handelsvolumen und langfristigen Lieferketten — eine Diversifizierung weg von Russland, weg von Kasachstan, hin zu einem Partner, der seinerseits zwischen Moskau, Peking und Washington navigiert. Welcher Preis in den Details dieses Rahmenabkommens steht, welche Abnahmeverpflichtungen Indien eingegangen ist, wie der Preisindex gestaltet wurde — darüber schweigen die Pressemitteilungen. Das Schweigen ist Teil der Architektur.
Dann Nepal. Am 28. August steigt der Pegel im Bhotekoshi wieder, die Behörden warnen vor einer zweiten Flutwelle, mehr als 2.400 Menschen werden vermisst. Kathmandu bittet Neu-Delhi um vorzeitige Importgenehmigungen — die Central Electricity Authority muss normalerweise grünes Licht geben, und Indien importierte im Finanzjahr 2025-26 noch 3.299 Millionen Einheiten Strom aus Nepal, exportierte 1.451 Millionen Einheiten dorthin. Die Ströme flossen also in beide Richtungen, mit deutlichem Überschuss nach Indien. Nun, da die Katastrophe die nepalesische Kapazität um 550 Megawatt reduziert hat und der grenzüberschreitende Fluss von 950 bis 1.000 Megawatt auf etwa 400 Megawatt gesunken ist, bietet Indien «alle zusätzliche Kraft an, die Nepal benötigen könnte». So der zitierte Beamte des Energieministeriums.
Die Geste ist humanitär. Sie ist gleichzeitig strategisch. Ein Nachbar, dessen Infrastruktur zerbrochen ist, dessen Kraftwerke unter Schlamm liegen, dessen Bergregionen destabilisiert sind, wird zum strukturellen Energieimporteur — auf Jahre. Wer am Ende das Übertragungsnetz kontrolliert, kontrolliert den Wiederaufbau. Unklar bleibt, zu welchen Konditionen die vorzeitigen September-Lieferungen erfolgen und welche Gegenleistungen Kathmandu eingegangen ist, um sie zu erhalten.
Wir sitzen am Rand eines Schachbretts, auf dem Züge gemacht werden, die noch keiner vollständig benannt hat. Der Javelin-Deal demonstriert eine Partnerschaft — und lässt offen, ob er in erster Linie Verteidigung oder industrieller Marktzugang bedeutet. Das Usbekistan-Abkommen sichert Rohstoffe — und lässt offen, welche Verpflichtungen eingegangen wurden. Die nepalesische Bitte wird erfüllt — und lässt offen, wer am Ende die Leitungen besitzt.
Das ist die Mechanik der Macht im August 2026: Man unterschreibt, man lächelt, man schweigt das Wesentliche aus. Und das Wenige, das man sagt, klingt stets nach Wohlstand und Partnerschaft. Wer nach den Kosten fragt, wird belehrt, dass Sicherheit keinen Preis hat.
Sie hat sehr wohl einen. Wir werden ihn in den nächsten Verträgen finden.
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