Das 1,5-Grad-Versprechen ist geplatzt, El Niño kassiert die Rechnung
Manhattan, Terminal Tribune. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen hat am Mittwoch einen Bericht vorgelegt, der in seiner Sachlichkeit beinahe verstört. Aktuell steuert die Erde auf eine Erwärmung um 2,6 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu. Wer das liest und nicht schluckt, hat die Physik nicht verstanden oder das Kleingedruckte seines Versicherungsvertrags noch nie gelesen.
Was das bedeutet: Das 1,5-Grad-Limit, 2015 in Paris als gemeinsame Verheißung unterschrieben, ist Geschichte. Es wird, so der Bericht, in den kommenden Jahren dauerhaft überschritten. Selbst im optimistischsten Szenario – und Optimismus ist in der Klimaforschung seit geraumer Zeit eine aussterbende Spezies – landen wir bei 1,8 Grad. Die Differenz zwischen 1,5 und 1,8 klingt nach einer Zahl auf einem Thermometer. Sie ist, in Wirklichkeit, die Differenz zwischen einem bewohnbaren Planeten und einem, dessen Kartographie neu gezeichnet werden muss.
Was es wirklich bedeutet: Wir kaufen Zeit mit dem Geld unserer Enkel. Die Welt hat den Karren in den Dreck gefahren und schiebt jetzt die Schuld auf die Pferde.
Und hier tritt El Niño auf die Bühne. Das Phänomen, das die Frankfurter Allgemeine noch vor wenigen Wochen als „rein natürlich" und „völlig unabhängig von irgendeinem menschengemachten Klimawandel" beschrieb, hat in dieser Woche ein zweites Gesicht bekommen. Eine Arbeitsgruppe um Julie Cole und den Paläoklimatologen Jonathan Overpeck von der University of Michigan hat in der Zeitschrift „Science" nachgewiesen: Die Dynamik von El Niño und La Niña – zusammengefasst als ENSO – hat im Zuge des beschleunigten Klimawandels messbar zugenommen. Fast eintausend Jahre lang, rekonstruiert aus Isotopen alter Korallenstöcke vor Galápagos, waren die Temperaturausschläge im Pazifik stabil. Seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts steigen sie. Das ist kein Zufall. Das ist eine Signatur.
Was das bedeutet: Der Brandbeschleuniger ist nicht das Feuer, sondern die Mischung. El Niño war immer der Zünder. Wir haben den Sauerstoff in der Atmosphäre erhöht.
Was es wirklich bedeutet: Wenn die Wassertemperaturen vor Galápagos im Super-El-Niño die Zwei-Grad-Schwelle überschreiten, sterben Korallen. Wenn Korallen sterben, sterben Fischgründe. Wenn Fischgründe sterben, sterben Küsten. Wenn Küsten sterben, fliehen Menschen. Die Kette ist so alt wie die Physik.
Die FAZ notiert weiter: El Niño kann die Wassertemperaturen an der Pazifikoberfläche „um sechs bis acht Grad über die Durchschnittswerte" treiben. Das ist, wohlgemerkt, die Wassertemperatur – nicht die globale Mitteltemperatur. Aber diese Wärme pflanzt sich fort, über die atmosphärischen Brücken des Pazifik in jeden Winkel der Welt. Dürren hier, Überschwemmungen dort, tödliche Blizzards, Schneeverwehungen, Flächenbrände. Das ist das El-Niño-Programm, geschrieben in einer Atmosphäre, die wir selbst aufgeheizt haben.
Hier präsentiert uns El Niño die Rechnung: Die unsichtbare Bedrohung des Klimawandels, jene schleichende Erwärmung, die sich in Klimamodellen so harmlos liest, wird durch El Niño in spürbare Krisen verwandelt. Übersetzt: aus Diagrammen werden Leichen. Aus Statistiken werden Überschwemmungskarten. Aus Wahrscheinlichkeiten werden Versicherungsanträge. Aus 2,6 Grad wird ein Migrationsstrom.
Nun zur Frage, die niemand stellt: Welche konkreten regionalen Folgen erwarten uns? Welche Opferzahlen, welche Betroffenenzahlen legt der Bericht vor? Welche ökonomischen Kosten sind kalkuliert für den Tag, an dem die 1,5-Grad-Marke dauerhaft fällt?
Hier beginnt das Schweigen.
Inger Andersen, Exekutivdirektorin des Unep, sagt: „Jetzt ist es an der Zeit, unsere Klimaschutzbemühungen zu verstärken – und nicht, sie aufzugeben." Sie sagt das in Nairobi, vor Kameras, vor Mikrofonen. António Guterres, Generalsekretär der Vereinten Nationen, sekundiert: „Die sengende Hitze, die verheerenden Waldbrände und die tödlichen Überschwemmungen dieses Sommers sind eine Warnung vor dem, was uns bevorsteht." Beide sagen das Richtige. Beide sagen es zur rechten Zeit. Beide sagen es in der Stimme von Menschen, die wissen, dass ihre Worte in sechs Monaten vergessen sein werden.
Was es bedeutet: Die Rhetorik der Dringlichkeit ist zur Berufskleidung geworden. Sie schützt die, die sie tragen.
Was es wirklich bedeutet: Wer zwischen den Zeilen dieses Berichts liest, sucht vergeblich nach den Zahlen, die zählen. Wo sind die Opferschätzungen für die Regionen, die als erste unter die Folgen der 2,6 Grad fallen werden? Wo sind die Kosten für die Infrastruktur, die der nächste Super-El-Niño zerstören wird? Wo sind die Pläne für die Millionen, die ihre Heimat verlieren werden?
Unklar bleibt, wer in den Fluren von Nairobi den Auftrag bekam, die regionalen Folgen so vage zu halten, dass kein Versicherer und kein Innenminister zur Kasse gebeten werden kann.
Die FAZ beschreibt den Verdacht, der seit 2016 durch die Korridore der Klimaforschung geistert: Könnte die überproportionale globale Erderwärmung die Intensität des ENSO-Phänomens beeinflussen? Cole und Overpeck haben geantwortet. Die FAZ verschweigt die politische Implikation dieser Antwort nicht – sie überlässt sie dem geneigten Leser. Der geneigte Leser ist beschäftigt. Der geneigte Leser zahlt seine Rechnung.
Zum Schluss, in alter Manier, eine Frage: Wer trägt die Kosten, wenn der nächste Super-El-Niño die Philippinen trifft, die Kornkammern der Sahelzone verbrennt und die Hafenstädte Asiens überflutet – und warum steht diese Rechnung nicht auf der ersten Seite des Berichts, den uns das Unep diese Woche auf den Tisch gelegt hat?
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