Paxtons Hypothek und Talaricos Rätsel
Sechs Zehntel Prozentpunkte. So viel trennt James Talarico von Ken Paxton in der jüngsten Umfrage von Overton Insights im Auftrag der Texas Public Policy Foundation: 44,0 zu 43,4 Prozent unter wahrscheinlichen Wählern. Mit eingerechneten Sympathisanten ergibt sich ein Patt von 50 zu 50. Wer das als Vorsprung liest, hat den Beipackzettel nicht gelesen. Wer es als Patt liest, hat die Mechanik dahinter nicht verstanden. Es ist weder das eine noch das andere. Es ist das Eingeständnis zweier Lager, die auf Treibsand balancieren.
Drei Umfragen in Folge sehen den Demokraten vorn: jene von Texas Southern University mit zwei Punkten, die der University of Texas mit ihrem Texas Politics Project, und zuletzt die von Axios gemeldete Erhebung mit 47 zu 45 Prozent. Der RealClearPolitics-Durchschnitt weist einen Vorsprung von 1,9 Punkten für Talarico aus. In Texas — einem Staat, den die Demokraten seit 1988 nicht mehr im Senat gehalten haben — ist das eine Anomalie. Die Frage ist nicht, ob der Sieg möglich ist. Die Frage ist, auf welchem Boden er stünde, und wer diesen Boden bezahlt hat.
Zunächst: Wer ist dieser Talarico? Hier beginnt das Rätsel, das alle Zahlen überdauert. Konservative Stimmen zeichnen ihn als Linksdrall, als "radical left" — der Präsident höchstpersönlich gab ihm jüngst den Spitznamen "Talacreepo" und trug vor, der Mann esse heimlich Fleisch, um es auf texanischen Rasen wieder von sich zu geben. Liberale Kommentatoren loben denselben Mann als Brückenbauer und Moderaten. Ein Kandidat, der zwei Etiketten trägt und keines festnageln lässt, ist entweder sehr klug oder sehr ungreifbar. Beides ist in einem Senatsrennen riskant. Noch riskanter ist es, wenn das eigene Lager nicht weiß, welche dieser beiden Lesarten es am Wahltag verteidigen soll.
Dazu kommt eine Eigentümlichkeit, die politische Handbücher nicht vorsehen: Beide Seiten haben ein Angebot von CNN ausgeschlagen, in einem direkten Fernsehduell gegeneinander anzutreten. Wer sich verweigert, verweigert sich dem Souverän. Wer dem Souverän den Blick verweigert, hat etwas zu verbergen — Charisma-Mangel, inhaltliche Schwäche oder eine Kalkulation, die das Format nicht braucht. Bei Paxton, dessen Fernsehauftritte längst zur Folklore gehören — Trump selbst räumte ein, man müsse seinen Look nicht lieben —, liegt die Verweigerung näher. Bei Talarico, der noch keine vergleichende Bühne hatte, bleibt sie erklärungsbedürftig. Dass beide ablehnen, verdoppelt das Misstrauen.
Doch das wahre Gewicht liegt auf der anderen Seite. Ken Paxton trägt eine Hypothek, die in keiner Umfrage vollständig abgebildet wird, aber in jedem Gespräch am Küchentisch mitläuft: die Skandale. Senator John Cornyn hatte genau dies im Vorlauf zur Primary als Argument benutzt — dass eine solche Akte im allgemeinen Wahlkampf verwundbar mache. Trump hingegen nannte Paxton am Mittwoch einen der besten Generalstaatsanwälte des Landes, pries seinen Kampf gegen die Biden-Administration, gegen Immigration, gegen Election Integrity — also gegen jene Institutionen, die Trump selbst nicht anerkennt, wenn sie ihm nicht genehm sind. Es klang wie das Plädoyer eines Mannes, der weiß, dass er einen schwierigen Klienten verteidigt. Der Präsident lobte das Substantielle über das Stilistische, weil ihm das Stilistische keine Wahl ließ.
Die Primärwahl selbst hat ein Vermögen verschlungen — Schätzungen sprechen von 128 Millionen Dollar an Werbeausgaben im Duell Paxton gegen Cornyn. Trump stieg erst am Ende der Strecke ein. Das wirft Fragen auf, die keine Umfrage beantwortet, die aber die Architektur dieses Rennens erklären: Welches Geld hat die Sichtbarkeit gebaut? Welche Berater haben den Kurs geschrieben? Und wessen Stimme war die letzte? Paxton liegt bei den Republikanern nur 57 Punkte vorne, Talarico bei den Demokraten mit 93. Paxton hat Wachstumsraum — aber Wachstum in welche Richtung, mit welchem Kapital, gegen welche Narbe?
Die Struktur ist diese: Ein Demokrat, dessen ideologischer Kompass umstritten ist, der das direkte Duell verweigert und dessen Vorsprung sich innerhalb der Fehlertoleranz bewegt. Ein Republikaner, dessen juristische Akte länger ist als jeder Wahlkampf, dessen Image den Präsidenten zu Späßen über Erbrochenes nötigt, dessen Lager aber 128 Millionen Dollar in seine Sichtbarkeit gepumpt hat. Dazu ein paralleler Gouverneurswettlauf, in dem Greg Abbott mit 46,9 zu 45,8 Prozent gegen Gina Hinojosa führt — ebenfalls innerhalb der Fehlertoleranz. Das Gesamtbild zeigt keinen Triumph der Demokraten. Es zeigt einen republikanischen Titan, der wankt.
Wer profitiert? Zunächst die Wettmärkte, die das Patt korrekt vorausgesagt haben. Dann jene Berater, die in beiden Lagern Honorare kassieren, unabhängig vom Ausgang. Schließlich jene Stimmen in Washington, die einen texanischen Demokraten im Senat als historischen Coup feiern würden — und deren auffälliges Schweigen über die Frage, welche Art Demokrat dieser Talarico eigentlich sein soll, eine Antwort für sich ist. Man kann einen Sieg nicht einordnen, den man nicht präzise benennen kann. Wer Talarico wählt, wählt entweder einen Linksliberalen, einen Moderaten oder ein Etikett, das ihm je nach Empfänger angeheftet wird.
Unklar bleibt am Ende, was mehr wiegt: die sechs Zehntel Prozent in der Umfrage oder die 128 Millionen Dollar, die in der Luft stehen. Sicher ist nur, dass am Wahltag zwei Männer antreten, von denen jeder das Format und der andere die Akte fürchtet. Texas hört, zum ersten Mal seit Jahrzehnten, den Klang von etwas, das nach Ungewissheit klingt. Die Handschuhe bleiben an.
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