Börse 1937
Terminal Tribune

8. September 2026

Dossier · Politik & Macht

Sechs Frauen, drei Männer, kein Schuldspruch

8. September 2026 — — Kastner

Valletta, Anfang September, ein Mittwoch. Die Sonne steht noch hoch über dem Großmeisterpalast, als sich die Türen des Gerichtssaals schließen und ein Mann namens Yorgen Fenech das Gebäude als freier Mann verlässt. Vierundvierzig Jahre alt, Geschäftsmann, einer, der in diesem kleinen Inselstaat so viel Geld bewegt wie wenige andere. Die Geschworenen — sechs Frauen, drei Männer — haben ihn freigesprochen. Beide Anklagepunkte fielen. Beihilfe zum vorsätzlichen Mord. An Daphne Caruana Galizia.

Zeitgenössische Anzeige (Illustration)
— Anzeige —

Ich habe in Genf Verträge unterschreiben sehen, von denen jeder im Raum wusste, dass sie nie eingehalten würden. Ich habe Männern die Hand gereicht, die mir ins Gesicht lächelten und gleichzeitig das Protokoll zerrissen, das mich schützen sollte. Man lernt, die Mechanik hinter der Höflichkeit zu lesen, die Mechanik des höflichen Verrats. Und so frage ich nicht, was geschehen ist. Ich frage, wie es geschehen konnte.

Eine Journalistin wird im Oktober 2017 durch eine Autobombe getötet. Sie hieß Daphne Caruana Galizia, und sie schrieb über jene Männer, die in Malta zwischen Politik und Kapital vermittelten — über jene Schatten, die kein Sonnenlicht vertragen. Fast neun Jahre später, im September 2026, spricht eine Jury den Mann frei, der im Mittelpunkt der Ermittlungen stand. Freispruch in beiden Anklagepunkten. Wir wissen aus der Prozessberichterstattung, dass die Geschworenen nach der Beweisaufnahme entschieden. Wir wissen, dass Fenech den Saal als freier Mann verließ. Wir wissen nicht — und das ist die Frage, die sich in jede Zeile dieses Textes frisst — wir wissen nicht, warum.

Man muss den Blick hinter den Vorhang wenden, während die Kameras noch auf den Angeklagten gerichtet sind. Wer profitiert? Wer verschweigt? Welche Struktur trägt ein Urteil, das in einer kleinen Demokratie wie Malta einen derart politisch aufgeladenen Fall nicht zur Verurteilung bringt? Ein Freispruch ist in einem Strafverfahren nichts Verwerfliches, solange er das Ergebnis unabhängiger Prüfung ist. Doch hier beginnt das Misstrauen: Bei einem Mord, der ganz Europa beschäftigt hat, bei einer Auftragskiller-Konstellation, die schonungslos öffentlich wurde, hätte die Beweislage das Schwert der Justiz sein müssen. Wenn das Schwert nun stumpf bleibt, dann nicht, weil es nichts zu schneiden gab — sondern weil jemand dafür sorgte, dass die Hand es nicht führte.

Ich will keine Namen erfinden, die nicht im Akt stehen. Ich will keine Behauptungen wagen, die ich nicht belegen kann. Aber ich will den Raum markieren, in dem sich die offenen Fragen sammeln. Unklar bleibt, welche Beweismittel im Verfahren tatsächlich zugelassen wurden und welche möglicherweise schon vorher aussortiert wurden. Unklar bleibt, welche Verbindungen zwischen dem Angeklagten und jenen Kreisen bestanden, die von Caruana Galizias Recherchen unmittelbar betroffen waren — Verbindungen, die in den Ermittlungen eine Rolle spielten, deren Behandlung im Prozess jedoch im Dunkeln liegt. Unklar bleibt vor allem, wem ein Freispruch nützt.

Daphne Caruana Galizia war keine bequeme Journalistin. Sie grub. Sie grub in den Schichten, in denen in Malta Macht, Geschäft und Politik ineinanderwachsen wie die Wurzeln eines alten Baumes, der den Boden nicht mehr loslässt. Ihr Tod war kein Verbrechen aus Leidenschaft; er war eine Botschaft. Und eine Botschaft, die nicht erhört wird, hat zwei Empfänger: jene, die sie schicken, und jene, die schweigen, obwohl sie sprechen müssten.

Wenn ich an Genf denke, denke ich an den Moment, in dem ein Diplomat nach der Unterzeichnung eines Abkommens beiseite trat und mir zuflüsterte: Es steht alles auf dem Papier, gnädige Frau. Auf dem Papier steht es sehr schön. Ich habe das Papier behalten. Es war schön. Es war wertlos. So sind Abmachungen in Räumen, in denen das Schweigen teurer ist als die Wahrheit.

Der Freispruch von Valletta trägt diese Handschrift. Er wurde nicht ausgesprochen — er wurde zugelassen. Es ist ein feiner Unterschied, den nur versteht, wer einmal in einem Saal gesessen hat, in dem das Urteil im Grunde schon feststand, bevor der erste Zeuge gerufen wurde. Sechs Frauen, drei Männer. Sie haben entschieden, das ist wahr. Aber zwischen der Entscheidung und dem Urteil liegt jener unsichtbare Korridor, durch den das wandert, was kein Protokoll festhält: die Erwartung, der Druck, die Gewohnheit der Macht, die sich nicht ändert, nur weil ein Richter den Hammer hebt.

Fenech verlässt das Gericht. Kameras blitzen. Anwälte sprechen von Gerechtigkeit, die gesiegt habe. Andere schweigen. Daphne Caruana Galizia schweigt für immer. Und in der Lücke zwischen diesen beiden Arten des Schweigens wohnt die Frage, die kein Freispruch beantwortet: Wer, wenn nicht er — und wer hat dafür gesorgt, dass die Antwort ausbleibt?

So steht es. Auf dem Papier steht es sehr schön.

❖ Ende des Artikels ❖

Herangezogene Quellen — 3 abrufbare Quellen

1 Quelle · 0 davon belegt · 3 externe Belege · 0 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

Erwähnt in diesen Akten

Aus diesem Ressort