Zehntausend Stimmen, hunderttausend Jobs, keine Antwort
Halle elf in Wolfsburg. Dienstag, kurz vor halb zehn. Sechzig Meter IG-Metall-Vertrauensleute stehen Schlange, Plakate in Hüfthöhe, manche in Schulterhöhe. „Unsere Jobs sind nicht eure Bilanzkorrektur." Wer das schreibt, weiß, was eine Bilanz ist. Wer es liest, weiß es auch.
Mehr als zehntausend Beschäftigte drängen sich in und vor der Halle. Zusätzliche Leinwände wurden aufgestellt, damit überhaupt alle sehen konnten, was oben auf dem Podium passierte. Konzernchef Oliver Blume sitzt rechts vom Rednerpult, neben ihm Markenchef Thomas Schäfer. Links: Daniela Cavallo, Gesamtbetriebsratsvorsitzende, und ihre Leute. Für die Vorstände lagen Ohrstöpsel bereit. Sie blieben ungenutzt. Pfiffe und Rufe sollen laut gewesen sein.
Zwei Jahre. So genau ist es her, dass die Beschäftigten statt an die Bänder in die Halle mussten. Damals kündigte das Management die Jobgarantie. Damals drohte es mit Werksschließungen. Es war der Anfang eines heißen Herbstes. Der Winter wurde nichts. Der Frühling wurde nichts. Nun der Herbst wieder.
Die Lage sei „mehr als kritisch", hatte Blume am Freitag in einem Intranet-Video gesagt. Eine operative Marge von 3,8 Prozent reiche nicht, um neue Technologien, Produkte und Fabriken zu finanzieren. Das ist die Sprache der Banken. In der Sprache der Straße: Für jeden Euro, den das Werk einnimmt, bleiben vier Cent. Davon soll bezahlt werden, was die Zukunft kostet. Das geht nicht. Das ging nie.
Die Antwort der Konzernspitze: schlanker, einfacher. In Wolfsburg wiederholte Blume das am Dienstag. Eine „theoretische Rechengröße" sei die Zahl von weiteren 50.000 Stellen, die zum bereits beschlossenen Abbau von 50.000 Jobs in Deutschland hinzukommen könnten. Theoretisch. Abgeleitet von den Kosten. Was das für Emden heißt, für Hannover, für Zwickau, für Neckarsulm? Offen. Sechs bis zwölf Monate wolle man brauchen, um „belastbare Perspektiven" zu schaffen. Sechs bis zwölf Monate. Wer ein Kind hat, weiß, wie lange das ist. Wer einen Mietvertrag hat, weiß, wie lange das ist. Wer einen Arbeitsvertrag hat, weiß: Sechs bis zwölf Monate sind das Ende der Miete und der Anfang der Bewerbung.
Die offene Frage ist nicht, ob 100.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen — das haben Cavallo und der Gesamtbetriebsrat längst öffentlich beziffert. Die offene Frage ist, wer am 4. September im Aufsichtsrat sitzt und welche Mehrheit Blume dort findet. Im Juli war sein Anlauf gescheitert. Nun kommt der nächste.
Die zweite offene Frage betrifft Zwickau. Das Werk in Sachsen war einmal die Geschichte, die das Management erzählte, wenn es von der elektrischen Zukunft sprach. Ausschließlich E-Autos wurden dort gebaut. Nun erzählt dieselbe Konzernspitze eine andere Geschichte. Für die Standorte Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm lasse sich „keine wettbewerbsfähige Belegung für die 2030er Jahre darstellen". Das ist der Satz, mit dem ein Werk stirbt. Nicht mit einem Beschluss. Mit einer Rechengröße. Blume reiste am Mittwoch weiter nach Emden und Zwickau, dorthin, wo die Angst am dichtesten sitzt.
Cavallo hatte zuvor eine Umfrage präsentiert, deren Ergebnis deutlich wurde: Die Beschäftigten stufen die Informationspolitik des Vorstands als ihr größtes Ärgernis ein — noch vor der Sorge um ihre Arbeitsplätze. Das ist bemerkenswert. Es bedeutet: Die Leute haben mehr Angst vor dem Schweigen als vor der Kündigung. Sie wissen, was eine Kündigung ist. Sie wissen nicht, was als Nächstes kommt.
„Mit einem CEO, der seinen Leuten nicht sagt, was ist, lässt sich nicht arbeiten", sagte Cavallo. „Unser Vertrauen in diesen Konzernvorstand, insbesondere auch in dessen Vorsitzenden Oliver Blume, ist beschädigt. Noch nicht irreparabel." Das letzte Wort hängt in der Luft wie Pfeifenrauch in einem geschlossenen Raum. Noch nicht.
Hinter den Sätzen der Konzernspitze arbeitet eine Maschinerie, die ihre eigene Logik hat. Da sind Berater, deren Geschäftsmodell es ist, Margen zu erklären, die nicht reichen. Da ist eine KI-Euphorie, die schneller wächst als die Gewinne, die sie verspricht — McKinsey hat das in einer Erhebung festgestellt, die das Vertrauen in künstliche Intelligenz misst, nicht aber die Resultate. Da ist ein Aufsichtsrat, der im Juli einen Anlauf stoppte. Da ist eine Landesregierung in Niedersachsen, die eigene Konzepte vorlegen will. Da ist eine Konzernbetriebsratschefin, die weiß, dass „theoretische Rechengrößen" in der Realität Absagen sind.
Wer profitiert, wenn die Halle elf zum wiederholten Mal gefüllt wird? Die Berater, die ihre Stundenzettel füllen. Die Banken, die ihre Kredite umstrukturieren. Die Wettbewerber, die in München, Stuttgart und Ingolstadt zuschauen und rechnen. Wer zahlt? Die zehntausend in der Halle. Die 100.000, die auf der Liste stehen. Die Städte, deren Gewerbesteuer wegbricht. Die Familien, deren Kinder in Werkshallen sozialisiert wurden, in denen bald Stille herrscht.
Cavallo hat einen Satz gesagt, den man sich merken sollte: „Unsere Jobs sind nicht eure Bilanzkorrektur." Das ist keine Phrase. Das ist die Differenz zwischen zwei Sprachen. Die eine zählt Marge in Prozent. Die andere zählt Schichten, Mieten, Lebensläufe. Solange diese Differenz nicht aufgelöst wird, bleibt jeder Prozentpunkt der Konzernbilanz eine Hypothek auf das Leben der Leute, die dort arbeiten.
Sechs bis zwölf Monate. Dann, so sagt es die Konzernspitze, soll Klarheit herrschen. Sechs bis zwölf Monate sind, je nachdem, ein Schuljahr oder eine Schwangerschaft. Sie sind, in jedem Fall, der Zeitraum, in dem ein Mensch plant und ein Unternehmen schweigt. Blume hat am Dienstag viel gesagt. Das meiste war nicht konkret. Die Ohrstöpsel blieben in der Schachtel. Das Schweigen nicht.
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