Hundert Millionen Dollar im Drohnenschatten
Stellen Sie sich eine Fabrik vor. Irgendwo in der Ukraine, Sommer 2025. Sie baut Drohnen für eine Armee, die jeden Tag Männer verliert. Zehn bis fünfzehn Prozent vom Auftragswert — das ist der Preis, den Lieferanten zahlen müssen, um überhaupt an Ausschreibungen teilzunehmen. Keine Gerüchte aus der Taverne. Das sind Ermittlungen der Antikorruptionsbehörde NABU, belegt durch Mitschnitte, die jetzt auf dem Tisch liegen.
Hundert Millionen US-Dollar. Über Jahre. Systematisch. Energoatom, der zivile Nuklearbetreiber, steht im Zentrum — doch der Skandal reicht weiter, bis in die Rüstungsbeschaffung, bis zu den Drohnenverträgen für die Front.
Wer nimmt das Geld? Nicht die Leutnants im Schützengraben. Die Frage ist: Welche Bezirkschefs, welche Parteileute, welche Manager von Rüstungsfirmen sitzen in Kiew und halten die Hand auf, während über ihnen Granaten einschlagen?
Präsident Selenskyj spricht von Null-Toleranz. Schön für Brüssel, schön für die Kamera. Im Juli tat er das Gegenteil: Ein Gesetz unterstellte NABU und die Anti-Korruptions-Staatsanwaltschaft der Generalstaatsanwaltschaft. Die Unabhängigkeit — weg. Tausende Ukrainer protestierten. Die EU kritisierte. Selenskyj lenkte ein. Und jetzt, Monate später, ermittelt dieselbe Behörde weiter, als wäre nichts gewesen.
Vier Festnahmen. Ein Abgeordneter seiner eigenen Sluha Naroda. Manager. Bezirks- und Stadtchefs. Leute von der Nationalgarde. Dreißig Prozent der Vertragssumme abgezweigt — bei Drohnen, die an die Front gehen, zu überhöhten Preisen eingekauft.
Selenskyj hat Sanktionen verhängt. Fordert Rücktritte von Ministern. Aber die Mitschnitte belasten Spitzenpolitiker schwer, zeigen Verwicklung in Bestechung und Geldwäsche. Wer wusste wie lange wovon? Warum musste erst Brüssel drohen, bevor die Ermittler wieder frei arbeiten durften? Wer kontrolliert die nächste Charge?
Korruption in einem Land im Krieg ist kein Kavaliersdelikt. Das ist eine zweite Front. Eine, die die eigene Armee von hinten angreift. Wer Prozente bunkert, plant nicht den nächsten Krieg — der plant, ihn zu überleben. Die übrigen nicht.
Das ukrainische NABU hat einen bedeutenden Skandal aufgedeckt. Gewiss. Aber Skandale sind keine Urteile. Wer jetzt nach Schuldigen sucht, sollte auch fragen, warum das System so lange laufen konnte — und wer es beim nächsten Mal wieder laufen lässt.
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