Die hohle Mitte: Münchs Abkehr und die Selbstaufreibung der CDU
Manchmal genügt ein einziger Satz, um das Gerüst einer Partei freizulegen. Werner Münch, einst Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, hat ihn ausgesprochen — „Ich wähle nicht mehr CDU" — fünfzig Tage vor der Landtagswahl, im Gespräch mit der Jungen Freiheit, wohlgemerkt nicht in einem linksalternativen Medium, sondern in einem Blatt, das der Union früher durchaus zugetan war. Ein Veteran legt die Uniform ab, nicht weil der Feind naht, sondern weil das eigene Haus leer steht. Wenn solche Männer gehen, geschieht es leise, und gerade deshalb hört man es deutlich — wie das Ticken einer Uhr, deren Feder bricht.
Die Kulisse, vor der dieser Abgang stattfindet, ist nicht das Schlachtfeld, sondern der Alltag einer Partei, die sich selbst nicht mehr traut. Die CDU eiert, wie man in Berlin sagt — sie dreht sich im Kreise, ohne den Punkt zu finden, an dem sie stehen könnte. Ein Spitzenkandidat, der keine Wunder vollbringen kann, ist das Eingeständnis in Personalunion: Wir wissen, dass es nicht reicht. Wir versuchen es trotzdem. Das ist keine Strategie. Das ist ein Stoßgebet, gesprochen in einem leeren Saal.
In dieses Bild gehört die nüchterne Zahl: Die schriftlichen Anfragen in den Parlamenten haben ein Rekordhoch erreicht. Man frage sich, was dies bedeutet. Dass die Abgeordneten mehr wissen wollen? Oder dass die Verwaltung so wenig preisgibt, dass nur noch das geschriebene Wort sie zwingt? Beides wäre ein Befund. Beides spricht gegen eine Regierungsklasse, die im Hellen regieren könnte, wenn sie nur wollte. Stattdessen regiert sie im Halbdunkel der Akten — und das Halbdunkel ist stets der größte Verbündete derer, die nichts zu verbergen haben, aber alles zu verschleiern wünschen.
Sven Schulze, Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt, hat seiner Genervtheit gegenüber der Bundespartei Luft gemacht. Man lese das genau: Nicht die Basis rebelliert, nicht die Jugend, nicht die Funktionäre — der Ministerpräsident selbst. Wer an der Spitze eines Landes steht und sich über die eigene Zentrale beschwert, kündigt etwas an. Nicht den Aufstand, nein. Die Müdigkeit. Und die Müdigkeit ist gefährlicher als der Aufstand, weil sie nie laut wird, sondern nur noch leiser.
Während die Union intern an ihrer Erschöpfung arbeitet, formuliert die Konkurrenz Forderungen, die weniger Programm sind als Brandbeschleuniger. Alice Weidel spricht vom Euro-Austritt und beschreibt die Handelnden der Republik als „Flachzangen" — ein Wort, das nach Wiener Kaffeehaus klingt und nach Berliner Hinterzimmer zugleich. Wer so spricht, will nicht regieren; wer so spricht, will verdammen. Die Frage, die Correctiv-Faktenchecks aufwerfen, ist die nach der Machbarkeit: Wie soll ein Euro-Exit funktionieren, der — das lässt sich ohne jeden Prophetiegeist sagen — Verträge bricht, Märkte erschüttert und just jene Mittelschicht verunsichert, die Weidel zu vertreten vorgibt? Man darf diese Frage stellen, weil die Antwort ausbleibt. Was bleibt, ist ein Versprechen ohne Risikoanalyse — und das ist in der Politik stets der teuerste aller Sätze.
CDU-Chef Mario Radtke wehrt sich dieser Tage gegen einen rechten Shitstorm nach seinen Migrationsaussagen. Man beachte die Mechanik: Der Vorsitzende wird nicht von links attackiert, sondern von rechts. Er verteidigt sich nicht gegen die Opposition, sondern gegen die eigenen Anhänger, die ihm zu weich erscheinen. Das ist die Lage einer Volkspartei im Jahr 2026 — sie wird nicht mehr an ihren Gegnern gemessen, sondern an ihrer Fähigkeit, die eigenen Leute zu halten. Und wenn diese Fähigkeit schwindet, nützt der beste Spitzenkandidat nichts.
In Mecklenburg-Vorpommern wurde die CDU gemeinsam mit der Linken aus einer TV-Debatte ausgeladen. Man halte inne: CDU und Linke — ehemals erbitterte Gegner — eint das Aussortiertwerden. Wer entscheidet solche Ausladungen? Welche Redaktion, welcher Sender, welche unsichtbare Hand? Hier öffnet sich ein Spalt, durch den man hindurchsehen sollte. Denn eine Partei, die nicht mehr eingeladen wird, ist eine Partei, die verschwindet, auch wenn ihre Abgeordneten weiter im Parlament sitzen. Sie wird zum Schatten ihrer selbst.
Wasser, so sagen uns die Wissenschaftler, wird nicht mehr unbegrenzt verfügbar sein. Das ist eine Ressourcenfrage — aber auch eine Frage der politischen Phantasie. Wer das Wasser nicht mehr für selbstverständlich hält, wird auch die politische Mitte nicht mehr für selbstverständlich halten. Die CDU aber IST die Mitte. Oder war es.
Kretschmer, stellvertretender Bundesvorsitzender, hat im Spiegel und im Handelsblatt erklärt, die Brandmauer brenne überall durch. Er sagt es als Diagnostiker, nicht als Brandstifter. Aber die Diagnose ist bitter: Wer noch von der Brandmauer rede, habe die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Das ist eine Absage an die Berliner Parteilinie — ausgesprochen von einem Mann, der in Sachsen mit einer Minderheitsregierung regiert und alle Fraktionen konsultiert, nur die AfD nicht. Münch sagt das Gegenteil: Lasst die AfD regieren. Zwei CDU-Männer, zwei Stimmen, kein Konsens. So sieht Erosion aus, meine Damen und Herren — nicht als Erdbeben, sondern als das langsame Absenken eines Bodens, auf dem alle stehen.
Was bleibt am Ende dieser Anamnese? Eine Partei, die ihre eigenen Veteranen nicht halten kann, die in Talkshows nicht mehr eingeladen wird, deren Spitzenkandidat offen zugeben muss, dass er kein Wunder vollbringen kann, deren Vorsitzender sich gegen die eigenen Anhänger verteidigen muss. Man muss nicht hinzudichten, was hier zu sehen ist — die Strukturen tragen das Bild von selbst. Münch geht nicht, weil er illoyal ist. Er geht, weil er weiß, dass das Haus, in dem er wohnte, keine Türen mehr hat.
Die Frage, die in investigativer Manier gestellt werden muss, lautet: Wem nützt diese Erosion? Der AfD, sicherlich — aber auch jenen, die in den Redaktionsstuben entscheiden, wer eingeladen wird und wer nicht. Denn eine CDU ohne Stimme ist eine CDU ohne Widerpart. Und ohne Widerpart wird das Spiel langweilig. Das Spiel wird aber nicht langweilig. Denn das Spiel, das die CDU gerade verliert, wird anderswo weitergespielt — mit anderen Figuren, an anderen Brettern, nach anderen Regeln.
Die Handschuhe sind angezogen. Notiert ist notiert.
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