Erzählung in Not — Merz sucht das Wort, das Sachsen-Anhalt nicht deckt
Man muss Friedrich Merz zugutehalten, dass er die Vokabel der Stunde gefunden hat, bevor sie ihn fand. „Narrativ", sagt er nun, in Langenhagen bei Hannover, vor jenen Anhängern, die noch bereit sind, ihm zuzuhören, als sei es eine Diagnose und nicht das Eingeständnis einer Erkrankung. Die CDU brauche eine neue Erzählung, jenseits der Sachpolitik, eine „Überschrift über dem, was wir gemeinsam tun" — und wer drei Jahrzehnte lang in Talkshows und Hinterzimmern den Mangel an genau dieser Überschrift beklagt hat, der weiß, wie solche Sätze riechen: nach Butterbrotpapier und nach dem Versuch, eine Tür zu öffnen, hinter der kein Raum mehr ist.
Es ist, so möchte man dem Kanzler glauben, eine vorbereitende Geste. Ein kluger Schachzug. Wer das Wort „Grundsatzdebatte" in den Mund nimmt, gewinnt Zeit, weil niemand eine Debatte anprangern kann; wer eine „Erzählung" fordert, klingt nach Staatsmann, nicht nach jemandem, der eine Rechnung begleichen muss, die gerade erst fällig geworden ist. Doch die andere Lesart liegt auf dem Tisch, und sie ist nicht höflich: Wer in einer solchen Lage eine Grundsatzdebatte ausruft, hat bereits verloren — die Diskussion über das Programm. Was bleibt, ist die Diskussion über sich selbst.
Denn während Merz das Wort „Wohlstand für alle Generationen" ergänzt um ein einziges, generationsumspannendes Wort — als sei die deutsche Geschichte ein leeres Blatt, auf das man großzügig schreiben darf —, zeigen die Exit Polls in Sachsen-Anhalt eine Zahl, die jede Sonntagsrede zur Lappalie macht. Die AfD steht bei vierzig bis einundvierzig Prozent, die CDU, so Tino Chrupalla nicht ohne Genuss, sei „halbiert" worden — womit der Triumph doppelt gemeint ist: gegenüber der Konkurrenz, und gegenüber jenem Merz, der einst glaubte, die AfD halbieren zu können. Das ist kein Wahlergebnis. Das ist eine Bodenwelle.
Die alte Frage, die in solchen Momenten gestellt wird, ist die nach dem Wie. Hier aber stellt sich eine andere, härtere Frage, und sie ist die eines Ermittlers, nicht eines Beobachters: Wem nützt die Erzählung jetzt? Wem nützt das Vokabular der „Vorbereitung", während Sachsen-Anhalt sich färbt? Wem nützt der Rückgriff auf Ludwig Erhard, auf das Jahr 1957, auf eine Zeit, in der die Bundesrepublik sich selbst erfinden durfte, weil die Vergangenheit noch keine Narben trug?
Offen bleibt — und das ist die Frage, die niemand stellt, weil sie zu unbequem ist —, was genau auf der anderen Seite dieses neuen Narrativs steht. Merz spricht von „Wohlstand für alle Generationen", von Freiheit, Frieden, sozialer Gerechtigkeit. Das sind Worte, die nichts verbergen, weil sie nichts sagen. Es sind die Worte der Plakate, nicht der Programme. Es sind die Worte eines Mannes, der in Hannover sprach, während in Magdeburg eine andere Republik gezählt wurde.
Die Struktur, die hier sichtbar wird, ist alt, und sie ist erkennbar an den Handschuhen, mit denen sie sich präsentiert: Auf der einen Seite der Kanzler, der nach dem richtigen Wort sucht, selbstkritisch, wie SPIEGEL, ZEIT und WEB.DE übereinstimmend notieren, bereit, eine Grundsatzdebatte zu führen. Auf der anderen Seite die Realität einer Partei, die in Sachsen-Anhalt halbiert wird. Beide Erzählungen — die der Vorbereitung, die der Panik — vertragen sich nicht. Es ist nicht möglich, dass ein Kanzler zugleich gelassen eine Grundsatzdebatte einleitet und unter dem Druck einer Wahl steht, die das eigene Lager als halbiert ausweist. Eines von beiden ist die Wahrheit. Die andere ist die Erzählung.
Was hier verschwiegen wird, ist nicht schwer zu erraten, aber schwer zu beweisen — und genau deshalb gehört es benannt: Die neue Erzählung ist nicht Inhalt. Sie ist Zeitgewinn. Sie ist der Versuch, eine Bewegung, die sich bereits formiert hat, mit Vokabular aufzuhalten, das aus einer anderen Epoche stammt. Wer „Wohlstand für alle Generationen" sagt, antwortet auf eine Frage, die niemand gestellt hat. Die gestellte Frage lautet: Warum habt ihr so lange gebraucht?
Der fünfunddreißigjährige Ulrich Siegmund, den Chrupalla zum nächsten Ministerpräsidenten erklärt, hat seine zehn Punkte für die ersten hundert Tage bereits formuliert. Abschaffung des Rundfunkbeitrags, „Deportations from the first minute", getrennte Klassenräume für Kinder ohne Bleibeperspektive — das ist keine Erzählung. Das ist ein Programm. Und Programme, nicht Erzählungen, sind es, die Wahlen entscheiden.
Merz weiß das. Er weiß auch, dass eine Grundsatzdebatte Zeit kostet, die er nicht hat. Was also bleibt, ist die Überschrift. Was bleibt, ist die Geste des Mannes, der das Wasser sieht, aber den Krug sucht. Was bleibt, ist die offene Frage, auf die sein eigenes Narrativ keine Antwort gibt: Was genau soll erzählt werden, wenn das, was erzählt werden müsste — warum Sachsen-Anhalt sich abwendet —, nicht erzählt werden darf?
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