Zwei Milliarden, ein russischer Hafen, kein Arm des Gesetzes
Man stelle sich das vor, und zwar langsam, damit das Bild Zeit hat, sich einzubrennen: In einer Welt, in der jede Überweisung einen Fingerabdruck hinterlässt, in der Datenspuren länger leben als die Menschen, die sie hinterlassen, in der ein simpler Klick in Omaha Behörden in drei Zeitzonen auf Trab bringt — in dieser Welt entkommt ein Mann mit zwei Milliarden Dollar nach Russland. Er genießt das Leben. Er lässt sich sehen. Er macht keine Anstalten, sich zu verstecken. Das ist die Pointe, die kein Drehbuchschreiber gewagt hätte: Er muss sich nicht verstecken. Die Geografie versteckt ihn.
Die Anschuldigungen wiegen schwer. Es geht, so berichten die Quellen, um einen Telemedizin-Betrug in den Vereinigten Staaten — einen Fall, der mit dem Wort „Milliarde" beginnt und mit dem Wort „Verbrechen" nicht aufhört. Zwei Milliarden Dollar. Die Maschinerie soll Sutton gedreht haben, so der Name des mutmaßlichen Architekten, dessen Handschrift auf den Dokumenten wie eine Signatur klingt. Was auch immer er war: Er ist jetzt in Russland. Und Russland ist, wie jeder weiß, der einmal in Genf an einem Verhandlungstisch saß, ein Hafen — nicht für Schiffe, sondern für das, was kein Richter mehr einfangen kann.
Ilya Shumanov, ehemaliger Direktor der russischen Sektion von Transparency International, spricht aus, was die meisten nur denken: „Das amerikanische Justizsystem wird Sutton in Russland nicht erreichen können." Man höre den Satz zweimal. Er klingt beim ersten Mal wie eine Vermutung. Beim zweiten Mal wie ein Urteil.
Denn hier liegt die Ironie, schneidend wie das Licht einer Art-déco-Lampe: Auf der einen Seite des Ozeans arbeiten Bundesanwälte, Grand Juries, Forensiker, die mit Hochdruck Akten wälzen, Indictments vorbereiten, Haftbefehle ausstellen. Auf der anderen Seite wartet ein Land, das gelernt hat, dass die Höflichkeit unter Souveränen dort endet, wo Auslieferungsanträge beginnen. Zwei Milliarden Dollar verschwinden nicht in einem Koffer. Sie verschwinden in einer Struktur. Sie brauchen Anwälte, Buchhalter, Makler, Banken, die nicht fragen. Sie brauchen einen Staat, der nicht ausliefert. Sie brauchen, kurz gesagt, ein zweites Zuhause.
Was wir nicht wissen — und was die offene Wunde dieses Falls bleibt —, ist, wer genau Sutton in Russland empfing. Welche Türen offen standen und wer den Schlüssel drehte. Welche Behörden, amerikanische, russische oder solche, die sich international nennen, von welcher Seite aus ermitteln und warum es so still bleibt. Was wir wissen, ist dies: Die Anschuldigung steht. Der Mann ist nicht dort, wo die Anklage ihn vermuten lässt. Und die Lücke dazwischen ist breit genug, um einen langen Schatten durchzulassen.
Es ist ein alter Mechanismus, nur die Kulissen wechseln. In den neunziger Jahren sprach man von Offshore-Oasen. Später von Zypern. Dann von Londoner Wohnungen mit schwarzen Türen und weißem Marmor. Heute sprechen wir von Russland, und wir tun es mit dem Tonfall einer Generation, die schon einmal gehört hat, wie ein Mann lächelnd log und ein Vertrag unterzeichnet wurde, der niemals eingehalten werden sollte. Das Spiel ist dasselbe. Die Spielsteine sind teurer geworden.
Die Frage, die offen bleiben muss — weil sie das Einzige ist, was noch ehrlich ist —, ist nicht, ob Sutton schuldig ist. Darüber wird ein Gericht zu befinden haben, das ihn wahrscheinlich nie sehen wird. Die Frage ist: Wer profitiert von dieser Lücke? Wer hält sie offen? Welches Netzwerk aus Anwälten, Vermittlern, stillschweigenden Banken macht es möglich, dass ein mutmaßlicher Milliardenbetrüger das Licht nicht scheut, weil die Scheinwerfer in seinem neuen Land auf andere gerichtet sind?
In Genf nannte man das früher „Comfort Letters" — höfliche Briefe, in denen man sich einig war, nichts zu tun. Heute braucht es keine Briefe mehr. Es braucht nur die Geografie, einen langen Flug und das Wissen, dass zwischen Washington und Moskau kein Handschlag mehr steht, der verbindlich wäre. Zwei Milliarden Dollar. Ein Mann. Ein Hafen.
Wer in solchen Räumen ermittelt, lernt bald, nicht die Täter zu zählen, sondern die Schweigenden. Denn die Täter sind nur die Spitze eines Verbs, das seine Energie von denen bezieht, die nichts sagen.
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