SCHULBANK ALS FALLTÜR: WER PROGRAMMIERT DAS VERSAGEN EINER GENERATION?
Breaking News. Die Quelle ist singular, die Behauptung ist kollektiv: Eine Generation werde systematisch auf das Scheitern vorbereitet — in der Schule, angeblich. Wer so etwas schreibt, der weiß, was er riskiert. Denn nichts ist in dieser Stadt so billig wie die nächste Schlagzeile, und nichts ist so teuer wie ein voreilig verbreitetes Urteil. Wir prüfen nach. Wir prüfen langsam. Und wir fragen uns, warum ausgerechnet jetzt eine solche Diagnose durch die Korridore geistert.
Die Anklage lautet hart. Schülerinnen und Schüler, so heißt es, würden nicht trotz, sondern wegen der Systeme versagen, die sie schützen sollen. Die Hinweise, die uns erreichen, sind heterogen — und gerade deshalb verdächtig konsistent. Da ist die Klage über die „Verwöhnung", die in Wahrheit eine Selbstverwahrlosung der pädagogischen Geduld beschreibt: gute Absichten, schlechte Ideen, schreibt man uns aus dem Auburn DaySchool, und benennt das Phänomen mit einer Direktheit, die in Sonntagsreden nicht vorkommt. Da ist die „Generation Sicknote", beobachtet bei den Achtzehn- bis Dreißigjährigen, deren Bezug zu psychischer Gesundheit sich zur Diagnose aufgebläht hat — und, so liest man bei Elrisala, eine viel größere kulturelle Frage verdeckt, die niemand stellen will. Da ist die Kindheit am Touchscreen, deren Langzeitkosten erst jetzt in den Blick geraten, dokumentiert von jenen Pädagogen, die den Algorithmus täglich vor sich sehen. Und da ist das Zeugnis einer Mutter, deren autistische Tochter aus dem Regelschulwesen entfernt werden musste, weil das Regelschulwesen nicht für ein Kind wie sie gebaut ist — „my child is one of those failed generations", wie sie der BBC sagte.
Vier Mosaiksteine. Keiner davon ein Beweis. Aber vier Bilder, die dasselbe Licht werfen.
Licht worauf? Hier beginnt die eigentliche Arbeit des Berichterstatters — die Frage nach dem Mechanismus. Drei Verdächtige stehen im Raum, jeder mit einem sauberen Alibi und schmutzigen Händen.
Der erste Verdächtige: die Finanzierung. Schulen, die seit einem Jahrzehnt mit dem Budget einer Behörde auskommen müssen, die in Wahrheit ein Buchhaltungsposten ist. Lehrkräfte, die für drei Klassen bezahlt werden und fünfeinhalb unterrichten. Curricula, die zwischen Papier und Realität altern wie ein Stadtplan ohne Datum. Wenn das System versagt, dann weil es hungert, so die offizielle Lesart. Möglich. Aber unvollständig.
Der zweite Verdächtige: die Lehrpläne selbst. Nicht veraltet, sondern zeitversetzt. Erfunden für eine Industrie, die nicht mehr existiert, geprüft mit Methoden, die das Nervensystem der Prüflinge längst überholt hat. Hier verläuft die Spur nicht in die Kassen, sondern in die Konferenzräume, wo Lernziele verabschiedet werden, die mit dem Lernen der Kinder nur noch entfernt verwandt sind. Auch das ist möglich. Auch das ist unvollständig.
Der dritte Verdächtige — und hier wird die Pfeife kalt und der Bleistift warm — ist der bewusst herbei geführte Fehler. Die These, dass eine ganze Generation nicht trotz, sondern wegen ihrer Förderung versagt. Dass Wohlmeinende und Geschäftstüchtige sich die Hand reichen über den Köpfen der Schüler. Dass Verwöhnung und Bildschirm und Diagnose-Wahn drei Namen sind für dasselbe Verfahren: Ablenkung von dem, was nicht funktioniert, hin zu dem, was sich gut verkauft. Wer profitiert, wenn jedes Kind als förderbedürftig gilt? Wer profitiert, wenn jede Konzentrationsschwäche zur klinischen Störung wird? Wer profitiert, wenn die Regelschule für das autistische Kind zur Sackgasse wird, in der die Privatschule die Ausfahrt ist?
Diese Fragen rühren an Interessen. Und genau deshalb liest man sie so selten.
Ich notiere, was ich seit dreißig Jahren notiere: Dass die Wissenschaft das Problem benennt, die Politik es übersetzt und die Industrie es vermarktet. Dass der weiße Kittel in der Schule genauso zur Uniform wird wie im Labor. Dass „die Jugend" seit Anbeginn der Druckkunst als Projektionsfläche dient — mal als bedroht, mal als Bedrohung, immer als nützlich. Dass eine These, die eine ganze Generation zu Verlierern erklärt, immer auch eine These ist, die jemanden zu Gewinnern erklärt. Die Frage ist nur: wem.
Ungeklärt bleibt, wer die Diagnose in Auftrag gegeben hat. Ungeklärt bleibt, welche Datensätze tatsächlich geprüft wurden und welche nur zitiert. Ungeklärt bleibt, ob die Mosaiksteine zusammengehören oder nur zusammen geraten sind. Unklar ist vor allem, ob wir es hier mit dem Versagen eines Systems zu tun haben oder mit dem Funktionieren eines anderen — eines Systems, das vom Versagen lebt.
Denn das ist die Lehre aus jedem Experiment, das ich begleitet habe: Man muss das Negative kontrollieren, das heißt das, was nicht gemessen wurde. Was hier nicht gemessen wurde, ist die Gegenrechnung. Wessen Karrieren, wessen Bilanzen, wessen Weltdeutungen sind im Gleichgewicht, wenn eine Generation als gescheitert verbucht wird?
Die Pfeife ist aus. Das Dossier bleibt offen.
Frage in die Nacht: Wenn eine ganze Generation auf das Scheitern eingerichtet wird — wessen Generation wird dann auf das Gewinnen eingerichtet?
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