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Terminal Tribune

15. September 2026

Dossier · Politik & Macht

Die Quadratmeilen-Lüge und ihre stillen Architekten

15. September 2026 — — Kastner

Es gibt Sätze, die wie Möbelstücke wirken: massiv, standfest, gut platziert im Salon der öffentlichen Meinung. Man setzt sich darauf, man zitiert sie, man vergisst, dass sie aus Pappe sind. Einer dieser Sätze lautet, Solarpanele bedeckten "tausende Quadratmeilen" landwirtschaftlicher Nutzfläche. Er wird derzeit häufiger wiederholt als jeder andere in den Fluren der Energiepolitik, und er hat genau die Eigenschaft, die er haben muss, um zu funktionieren: Er klingt nach viel, ohne dass jemand nachprüft, ob er auch nach viel aussieht.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Tun wir es nachprüfen.

Die belegte Ausgangslage ist klar und unaufgeregt: Solarpanele belegen gegenwärtig keine "tausende Quadratmeilen" Farmland. Diese Feststellung ist keine Spitzfindigkeit eines pedantischen Buchhalters, keine Petitesse aus dem Elfenbeinturm — sie ist der erste Baustein jedes ehrlichen Gesprächs über Flächennutzung, Ernährungssicherheit und die Zukunft der Energieerzeugung. Wer diesen Satz ausspricht, ohne die Zahlen zu kennen, betritt eine Bühne, auf der die Scheinwerfer ihm die Sicht nehmen. Und genau hier beginnt die Ermittlung.

Denn die Behauptung persistiert nicht trotz ihrer Unhaltbarkeit, sondern wegen ihr. Sie ist nützlich. Sie lässt sich in zwei Richtungen lesen, und beide ergeben für bestimmte Akteure ein vorzügliches Narrativ. Die einen, die den Ausbau erneuerbarer Energien aus ideologischen oder wirtschaftlichen Gründen verlangsamen wollen, finden in ihr den Beleg für eine angebliche Landnahme durch grüne Investoren. Die anderen, die denselben Ausbau mit anderen Mitteln beschleunigen wollen, benutzen sie als Begründung für Subventionen, für Flächenumwidmungen, für Sondergenehmigungen, die unter dem Druck einer vermeintlichen Krise schneller fließen als unter dem Licht der gewöhnlichen Tagesordnung.

Wem nützt der Satz? Beide Seiten wollen ihn. Das macht ihn nicht wahr. Das macht ihn zum Instrument.

Die Mechanik solcher Sätze ist uralt, und wer einmal in Genf an Verhandlungstischen gesessen hat, erkennt sie sofort wieder: Eine Größe wird in den Raum gestellt, die so gewaltig ist, dass niemand nachzufragen wagt. Tausende Quadratmeilen — das ist keine Zahl, das ist ein Schrecken. Wer nachfragt, wirkt kleinlich. Wer nachrechnet, wirkt wie jemand, der das Leid der Bauern nicht ernst nimmt. So entsteht das, was man in der Diplomatie eine self-fulfilling rhetoric nennt: Die Übertreibung erzeugt den politischen Raum, in dem sie wahr werden könnte, und niemand erinnert sich später daran, dass sie am Anfang nur ein Adjektiv war.

Unklar bleibt, wer diesen Satz zuerst in die Welt gesetzt hat. Unklar bleibt, ob er aus einem Think-Tank stammt, aus einem sorgfältig redigierten Redemanuskript, aus einer Studie, deren Methodik bei Tageslicht in sich zusammenfiele wie ein Soufflé im Zugwind. Wir haben bislang nur die eine belegte Tatsache: Er ist falsch in seiner Größenordnung. Und wir wissen, dass er benutzt wird.

Was die Ermittlung bisher zeigt, ist also weniger ein einzelnes Vergehen als eine eingeübte Gewohnheit: die Gewohnheit, mit Superlativen Politik zu machen, die mit Maßstäben gemacht werden müsste. Es ist die Gewohnheit, in Pressekonferenzen so zu tun, als sei der Boden, auf dem eine Familie seit Generationen Brot baut, bereits asphaltiert und mit Modulen bedeckt — nur damit das nächste Gesetz leichter durchgewunken wird.

Wer profitiert? Die Frage lässt sich beantworten, ohne dass ein einziger Name fallen muss: Es profitieren jene, die einfache Antworten auf komplexe Fragen verkaufen. Es profitieren die Lautsprecher, deren Geschäftsmodell die Empörung ist. Es profitieren die Stillen in den Ministerien, deren Akten sich leichter sortieren lassen, wenn die Öffentlichkeit glaubt, das Problem sei bereits riesig, unbezwingbar, im Vollzug.

Wer verschweigt? Verschwiegen wird vor allem eines: die tatsächliche, nüchterne Zahl. Wie viel Fläche wirklich belegt ist, wie viel im Vergleich zu Wohn-, Gewerbe- und Verkehrsfläche, wie viel im Vergleich zu den Brachflächen, die in jedem Landkreis dieses Landes ungenutzt brachliegen — all das verschwindet hinter dem Tosen des großen Satzes. Denn solange die Zahl nicht genannt wird, bleibt der Satz nützlich. Sobald sie genannt wird, wird er peinlich.

So liegt sie nun vor uns, die Architektur einer Übertreibung: ein einziger Satz, groß genug, um eine ganze Debatte zu füllen, und ungenau genug, um jede Verantwortung zu leugnen. Wir wissen, dass er nicht stimmt. Wir wissen, dass er benutzt wird. Wir wissen, wem er nützt. Was wir nicht wissen — und was die offene Frage dieser Ermittlung bleibt — ist, wer ihn zuerst in die Welt gesetzt hat, und wer, mit welchem Mandat, ihn am Leben hält.

Die Arbeit geht weiter. Man muss nur aufhören, auf die Bühne zu starren, und anfangen, hinter den Vorhang zu sehen.

❖ Ende des Artikels ❖

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