Moskaus blutige Algebra
Manche Geständnisse tragen Uniform. Die jüngste Wende in der russischen Strategie — weg vom langsamen Abnutzen, hin zur offenen, demonstrativen Vergeltung — ist ein solches Geständnis. Sie sagt, schwarz auf weiß und in jeder Granate unauslöschlich eingegraben: Die ukrainischen Maßnahmen wirken. Sie wirken so gut, dass der Kreml seine bisherige Doktrin der geduldigen Erosion aufgibt und in den Modus der schnellen, sichtbaren Reaktion wechselt.
Wer profitiert von dieser Wendung? Nicht der Kreml, so laut er sie auch als Beweis russischer Stärke inszeniert. Wer profitiert, ist jene stillschweigende Maschinerie, die jede Eskalation in Aufträge, Budgets und Karrieren umrechnet — die Rüstungslogik, die keinen Frieden verträgt, weil Frieden die Bilanz schmälert. Putins aktivere Vergeltung ist, in dieser nüchternen Lesart, das Eingeständnis eines Kalküls, das nicht mehr aufgeht. Die Ukraine hat die Gleichung verändert, und Moskau antwortet mit Gewalt, weil ihm die Argumente ausgehen.
Was verschwiegen wird? Die Wirksamkeit der ukrainischen Gegenmaßnahmen selbst. In Moskau darf sie nicht beim Namen genannt werden, weil Nennung Respekt wäre — und Respekt die sorgfältig gepflegte Lüge vom raschen Sieg zersetzen würde. Also spricht man von Vergeltung, nicht von Wirkung. Man zeigt Feuer, wo Erklärungen fehlen.
Welche Struktur trägt dies? Die alte, immer gleiche, in den Akten der Geschichte wohlbekannte: Wenn die Mittel nicht mehr reichen, werden die Ziele ausgeweitet. Wer gestern die Befreiung eines Volkes betrieb, will heute dessen Energienetz zermalmen. Die Geographie der Zerstörung verschiebt sich, immer ein Stück weiter hinein ins Zivile — und dieses Stück ist niemals das letzte.
Unklar bleibt, an welchem Punkt das Kalkül endgültig kippt — und wer in Moskau dann noch den Schalter umlegt. Klar ist nur: Die Rechnung wird bezahlt werden, nicht von denen, die sie aufmachen. Auch das, meine Damen und Herren, ist eine alte Konstante in diesem Spiel.
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