Die Transparenz, die keiner bezahlen will
Wer schreibt schon gern Rechenschaft, wenn die eigene Bilanz ins Licht gehalten werden soll. Die EU-Taxonomie-Verordnung, 2018 im Aktionsplan für ein nachhaltiges Finanzsystem angekündigt, 2020 in Kraft getreten, zuletzt durch Omnibus I überarbeitet, verlangt von großen Kapitalgesellschaften, Unternehmen von öffentlichem Interesse und allen mit mehr als fünfhundert Beschäftigten, ihre ökologische Nachhaltigkeit offenzulegen. Drei Kennzahlen sind es, die da auf den Tisch müssen: der Anteil taxonomiefähiger und taxonomiekonformer Umsätze, Investitions- und Betriebsausgaben. Klingt nach nüchterner Aktenkunde. Ist es auch. Nur dass hinter den Tabellen ein ganzer Markt entstanden ist — einer, der sich an der Pflicht zur Transparenz mästet.
Das TAXO TOOL etwa, eine KI-gestützte Software, die mit Sprachverarbeitung arbeitet, hilft Finanzinstituten, die EU-Taxonomie-Anforderungen zu erfüllen. Wer hier wen prüft, wessen Zahlen in wessen Modell fließen, darüber schweigen die Broschüren beharrlich. Die Verordnung soll, so die Kommission, vor Greenwashing schützen und Kapitalströme in ökologisch nachhaltige Aktivitäten lenken. Die Ironie: Die Werkzeuge zur Verhinderung von Greenwashing sind selbst ein Geschäft, das mit der Angst vor Greenwashing wirbt. Vertrauen ist ein teures Gut geworden, und wer seine Herstellung kontrolliert, kontrolliert den Preis.
Unternehmen sollen in robuste Messsysteme investieren und transparent kommunizieren, um als vertrauenswürdige Partner zu gelten. Sie sollen ESG-Prinzipien umsetzen, um die Erwartungen der Verbraucherinnen und Verbraucher zu erfüllen und wirtschaftliche Vorteile zu erzielen — denn ESG-Strategien spiegeln den Wandel globaler Werte hin zu Nachhaltigkeit und sozialer Verantwortung. Banken wiederum können sich über Nachhaltigkeit Wettbewerbsvorteile verschaffen, sofern sie sich regulatorisch geschmeidig anpassen. Das klingt nach einem Markt der Tugend. Es ist ein Markt der Zertifikate.
Die Transformation zur Klimaneutralität, 2050 als Zielmarke, erfordert indes Investitionen, die kein Institut allein tragen kann. Alternative Finanzierungsformen und Absicherungsfonds sollen die Risiken der Transformationsfinanzierung mindern und die Banken entlasten. Wer diese Fonds füllt, wer profitiert, wenn die Lasten verteilt werden — darüber reden alle Beteiligten, nur nicht im selben Satz. Die ständige Anpassung der Pflichten, zuletzt durch Omnibus I, lässt zudem eine bequeme Frage offen: Wem nützt ein Rahmen, dessen Regeln so elastisch bleiben, dass die heutigen Verpflichteten morgen selbst mitverhandeln, wie geprüft wird?
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