DIE QUITTUNG: JOHNSON & JOHNSON VOR GERICHT
Oklahoma. Richter Thad Balkman. 26. August. 572 Millionen Dollar. Es ist kein Sieg. Es ist eine erste Rechnung.
Johnson & Johnson hat Opioide vermarktet, als wären sie Bonbons für ein Land, das ohnehin nach Schmerzmitteln hungerte. Richter Balkman sprach von „widerrechtlicher Vermarktung". Das ist Juristensprache für: Ihr habt gewusst, was ihr verkauft. Ihr habt gewusst, was es anrichtet. Ihr habt trotzdem verkauft.
Die Struktur dahinter kenne ich aus jeder Klinik, in der ich je stand. Wer das Rezept schreibt, verdient am Patienten. Wer das Marketing bezahlt, verdient am Rezept. Wer im Aufsichtsrat sitzt, verdient am Aktienkurs. Eine Kette, deren Glieder alle nach oben weisen, während das letzte auf einer Bahre liegt.
Oklahoma ist nicht reich. Nicht leise. Vergisst nicht. 572 Millionen als Signal an Ohio, wo ab 21. Oktober der große Multidistrikt-Prozess beginnt. Zwei Verfahren, ein Konzern, eine Frage: Wie viele Tote muss ein Unternehmen auf seinem Konto haben, bevor die Justiz nicht mehr wegschaut?
Die Botschaft an andere Staaten: Wer klagt, gewinnt. Wer Beweise sammelt statt Blumen, gewinnt. Wer Geschäftsberichte liest statt Pressemitteilungen, gewinnt.
Aber J&J steht nicht nur wegen Opioiden vor Gericht. Die Talcum-Klagen sind eine eigene Front: 1,5 Milliarden Dollar Verurteilung. 57 Prozent der talc-only-Kläger sind Frauen – jünger diagnostiziert als noch vor fünf Jahren. 40 Prozent der Mesotheliom-Verfahren betreffen inzwischen Talkum-Puder, nicht mehr Asbest, nicht mehr Baustellen.
Das ist die Mechanik der Pharmazie: Heute Opioid, morgen Talkum, übermorgen das nächste Molekül, das im Labor sicher wirkt und auf dem Markt tötet. Die Namen wechseln. Die Strategie bleibt.
Offen bleibt, wer im Aufsichtsrat wann gewusst hat, was im Beipackzettel steht. Offen bleibt, welche internen Mails die Ohio-Geschworenen noch sehen werden. Offen bleibt, wie viele Bundesstaaten diesem Urteil folgen.
Eines ist sicher: Vor achtzig Jahren hätte man diese Quittung nicht bekommen. Heute bekommt man sie. Es ist kein Trost. Es ist ein Anfang.
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