Tamiflu und die unsichtbaren Studien
Es gibt einen einfachen Test, ob eine Studie der Wahrheit dient oder dem Konto. Man vergleicht, was vorher angekündigt wurde mit dem, was nachher erscheint. Fehlt etwas dazwischen, fehlt mehr als ein Absatz. Es fehlt Beweismaterial.
Eine gesetzliche Verpflichtung zur Vorankündigung von Studien könnte diesen Mechanismus durchbrechen. Wer sein Vorhaben registrieren lassen muss, bevor er die ersten Probanden sieht, kann später nicht lautlos jene Ergebnisse verschwinden lassen, die dem Auftraggeber nicht gefallen. Das ist keine Wissenschaftstheorie. Das ist Buchführung.
Die internationale Cochrane Collaboration treibt genau das voran. Ihr Credo: freier Zugang zu allen klinischen Daten, lückenlose Dokumentation, wissenschaftliche Integrität als Grundrecht statt als Wohltätigkeit. Gerd Antes, Leiter des deutschen Cochrane-Zentrums, bringt es auf den Satz, der in jedes Aufsichtsratsprotokoll gehört: „Große Teile unseres medizinischen Systems leben davon, dass Dinge im Unklaren gehalten werden."
Der Fall, an dem sich diese Diagnose festmachen lässt, heißt Tamiflu. Der Basler Konzern Roche hat mit dem Grippemittel während der Vogel- und Schweinegrippe zwischen 1,6 und 2,1 Milliarden Euro umgesetzt. In normalen Jahren sind es 230 bis 470 Millionen. Die Regierungen bestellten tonnenweise, weil ihnen weisgemacht wurde, das Mittel könne gefährliche Folgeerkrankungen wie Lungenentzündungen eindämmen.
Cochrane fand heraus: Diese Annahme stützt sich im Kern auf eine einzige Studie. Autor: Laurent Kaiser, Genf. Vier von fünf Mitautoren standen auf der Roche-Gehaltsliste. Von zehn ausgewerteten Studien waren nur zwei veröffentlicht. Tom Jefferson bereitet derzeit eine vollständige Sichtung aller unveröffentlichten Daten zu Neuraminidase-Hemmern vor. Der Entwurf liegt vor. Er klingt ernst.
Das ist kein Einzelfall, das ist ein Geschäftsmodell. Eine Milliarde Dollar Spendengelder für ein neues Forschungsinstitut mit Schwerpunkt Immuntherapie und Medikamentenentwicklung für Kinder und Jugendliche könnte das Gegenteil sein: Forschung, die ihren Namen verdient. Vorausgesetzt, sie veröffentlicht alles. Auch das, was den Spendern nicht passt.
Die Frage ist nicht, ob Transparenz technisch möglich ist. Die Frage ist, wer sie bezahlt und wer sie verliert.
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