DER RASEN, DEN NIEMAND GEPFLANZT HAT
Es gibt eine alte Wahrheit, die in Genf auf den Verhandlungstischen verstaubte: Wer die Mehrheit vortäuscht, braucht keine Mehrheit zu besitzen. Ein Senator aus Texas soll es 1985 so formuliert haben: „Ein Texaner kennt den Unterschied zwischen Graswurzeln und Astroturf. Das ist alles fabrizierte Post." Diese Wahrheit lebt weiter — nun in den Bildschirmen, wie Unkraut im falschen Rasen.
Digitales Astroturfing — der Name selbst ist Geständnis. Kunstrasen, der echt wirken soll. Was einst fingierte Vereinsanmeldungen und Leserbriefe erforderte, vollbringen heute kleine Teams in sozialen Netzwerken und Kommentarspalten. Russlands Internet Research Agency betreibt dieses Handwerk seit 2009. Sie steht nicht allein. Staaten, Konzerne, Organisationen jeder Couleur haben das Verfahren adaptiert. Wer Trollfabriken oder PR-Agenturen beauftragt, produziert öffentliche Meinung in Serie — just in dem Moment, in dem sie gebraucht wird.
Die Architektur ist stets dieselbe: vorne die Empörung, hinten die Anweisung. Frontgruppen tragen Namen, die nach Anwohnerinitiative klingen, nach besorgten Eltern, nach Verbraucherschutz. Lokalzeitungen werden mit Leserbriefen aus identischer Quelle geflutet. Was diese Technik im Verbund mit finanzieller Einflussnahme und Medienmanipulation anrichtet, ist messbar: politische Polarisierung, geschwächte Regierungsführung, das langsame Zerfressen demokratischer Institutionen.
Rechte Medien und Desinformation bauen Echokammern, in denen die eigene Stimme als Volksstimme hallt. Dark Money verstärkt den Hebel reicher Spender und untergräbt jede Transparenz. Dass wachsendes dunkles Kapital und die Lockerung von Einschränkungen Astroturfing zur wachsenden Bedrohung machen, ist Mechanik, nicht Zufall. Dass Bewertungen auf Unternehmensseiten als die am wenigsten vertrauenswürdigen gelten, ist in dieser Logik nur konsequent.
Unklar bleibt, wer hinter den meisten Kampagnen tatsächlich steht. Sicher ist: Wo das Gras flüstert, hat es niemand gesät.
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