Schatten über der Geldpolizei, was die EZB nicht zählt
Frankfurt. Die Bundesbank sitzt am Tisch, an dem über Zinsen entschieden wird, und sie hat, so sagen die Akten, eine Rolle. Nicht die Hauptrolle — die Rolle des Mannes im Hintergrund, der weiß, wo die Leichen liegen, und trotzdem nur den Mantel zurechtzieht.
Diese Rolle ist indirekt. So steht es geschrieben. Indirekt, das heißt in der Sprache der Banken: wir bestimmen mit, aber sagt bitte nicht, wie. Und indirekt beeinflusst diese Rolle die finanzielle Stabilität. Klingt nach Bürokratendeutsch. Ist es auch. Aber hinter dem Wort verbirgt sich eine Architektur, die niemand vollständig benennt — und niemand vollständig benennen will.
Da sind zuerst die Schattenbanken. Eine Wortschöpfung, die so harmlos klingt wie ein verschwommener Kontinent auf einer alten Seekarte — terra incognita für die Geldhüter. Die empirische Forschung und das statistische Material zu den Auswirkungen der Schattenbanken auf die Geldpolitik, so räumen die Berichte ein, sind unzureichend. Das ist das Geständnis, mit dem ein Verdächtiger vor Gericht sagt: Ich kannte das Opfer nur flüchtig.
Tatsächlich wandern Aktivitäten aus dem klassischen Bankensektor ab. Es gibt Zahlen — nur nicht in den Indikatoren, die die EZB traditionell liest. Geld entsteht, Geld vermehrt sich, Geld verschwindet — und die Notenbank sieht es nicht, weil ihre Messgeräte aus dem letzten Jahrhundert stammen. Die Übertragung der Geldpolitik in die Realwirtschaft wird dadurch beeinträchtigt. Die saubere Umschreibung lautet: Die Medizin kommt nicht mehr dort an, wo der Patient liegt.
Dann die Zinsen. Einige Währungshüter seien offen für eine weitere Senkung im zweiten Halbjahr, falls erforderlich. Andere sehen die Inflation am Ziel stabilisiert und fragen sich, wozu noch senken. Die EZB erwägt eine Pause, weil das aktuelle Niveau als ausreichend gilt. Ausreichend — das Wort, mit dem ein Bankier das Ende einer Diskussion einleitet, bevor er die Hand auf die Schulter des kleineren Mannes legt.
Was bleibt? Eine Lücke klafft zwischen dem UK und der EU in der Finanzstabilität, und es wird betont, dass diese geschlossen werden müsse. Wer aber hat ein Interesse daran, dass sie offen bleibt? Die Schattenbanken antworten nicht. Die Bundesbank antwortet mit indirekter Rolle. Unklar bleibt, wem dieses Schweigen nützt — und wer den Mantel zuzieht, wenn die Pfeife längst kalt ist.
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