Correctiv vor Gericht: Anatomie einer scharfen Recherche
Es begann, wie die Geschichten dieser Tage beginnen: mit einem Datum, das nach Geschichte schmeckt, und mit einer Recherche, die nach Aufklärung ruft. Am 10. Januar vergangenen Jahres veröffentlichte das Netzwerk Correctiv eine Story über ein privates Treffen, an dem auch AfD-Mitglieder teilnahmen — es wurde ein Zusammenhang zur „systematischen Vernichtung" der Juden unter den Nazis hergestellt. Der Bundeskanzler ging mit auf die Straße. Die Autoren wurden als Journalisten des Jahres geehrt. Man durfte sich ducken, so sehr bebte das Land.
Nun bebt es andersherum. Correctiv steht vor Gericht. Erstmals muss sich das Kollektiv für den Kern seiner damaligen Erzählung verantworten — jener Erzählung, die Millionen mobilisierte und im Schloss Bellevue mit Empfängen belohnt wurde. Es ist die alte Frage, die in jedem Verfahren dieser Art mitschwingt: Wer legt die Messlatte, wer hebt sie, wer schiebt sie beiseite, wenn das Rampenlicht erlischt?
Die Mechanismen sind nicht neu. Sie sind so alt wie die Berichterstattung selbst. Eine Recherche erzeugt Öffentlichkeit. Öffentlichkeit erzeugt politische Reaktion. Reaktion erzeugt Legitimation. Und am Ende steht die Frage, ob die Geschichte, die diesen Apparat in Gang setzte, den Belastungen standhält, die das Recht an sie anlegt. Investigativer Journalismus, so wurde uns versichert, sei das Salz der Demokratie. Aber Salz brennt auch, wenn man es auf offene Wunden streut.
Zur gleichen Zeit, in einem anderen Saal: Die EU und deutsche Politiker drängen auf strengere Maßnahmen gegen RT DE. Einflussoperationen, Trollfarmen — die gut geölten Maschinen der Desinformation unterstreichen, was wir wissen sollten. Die Medienlandschaft ist ein Schlachtfeld, und die Wahrheit ist die erste Kugel, die fliegt.
Was bleibt, ist die Gegenrecherche. Die Pflicht, jede Story gegen den Strich zu bürsten. Die Notwendigkeit, Transparenz nicht nur zu fordern, sondern vorzuleben — auch dann, wenn es weh tut. Denn die Glaubwürdigkeit einer Recherche misst sich nicht am Beifall auf den Straßen, sondern an der Kälte im Saal.
Wer profitiert, wenn Correctiv fällt? Wer, wenn es steht? Die Antworten sind offen. Klar ist nur: In dem Moment, in dem die Recherche sich vor dem Recht verantworten muss, wird sie zum Lackmustest eines ganzen Gewerbes.
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