Amyloid, ApoE und die Aktionäre
Lecanemab heißt das Molekül, Leqembi nennt es der Markt. Die Europäische Arzneimittel-Agentur hat im November 2024 erstmals grünes Licht gegeben für einen Antikörper, der Amyloid-Ablagerungen aus dem Gehirn kehren soll. Nicht Symptome betäuben. Ursachen behandeln. Klingt nach Revolution. Ist Bilanzkosmetik.
Denn was die Broschüre unterschlägt: Der Gewinn sind sechs Monate. Gemessen auf einer Demenzskala, deren Punkteunterschied zwischen 1,22 und 1,75 liegt. Eine Million Menschen tragen die Diagnose in Deutschland. Rund 250.000 davon befinden sich in der Frühphase, den ersten drei Jahren. Nur dort wirkt das Mittel überhaupt. Aber nicht für alle: Patientinnen mit zwei Kopien des Gens ApoE4 sind ausgeschlossen, ihr Risiko für Hirnschwellungen und Hirnblutungen ist zu hoch. Etwa 80 Prozent der Frühphase bleiben formal geeignet. Klingt nach viel. Ist die Mehrheit – und schließt die am schnellsten Fortschreitenden aus.
Wer die Studie zahlt, der bestimmt die Skala. Wer die Skala besitzt, der besitzt den Beweis. Lecanemab gehört einem Patenthalter, der im Patientengespräch nicht vorkommt. Kisunla, der zweite Antikörper der Welle, folgt demselben Muster: Frühstadium, Infusion, Nebenwirkung. Die Risiko-Nutzen-Abwägung im Beipackzettel ist eine Einladung zum Glücksspiel. Die EMA empfiehlt Zurückhaltung. Die Hersteller empfehlen Einnahme. Dazwischen liegen die Gehirne alter Menschen.
Was die Therapie hierzulande kosten wird, bleibt offiziell offen. Unklar ist auch, wer die diagnostische Kette bezahlt: Amyloid-Bluttests, ApoE4-Genotypisierung, MRT-Kontrollen, Infusionen, Spezialisten, die überhaupt eine Plaque sehen. Eine Industrie entsteht im Kielwasser des Moleküls. Bezahlt mit dem Erbe der Familien.
Daneben, fast schüchtern, empfiehlt die Forschung weiterhin, was seit Jahrzehnten hilft: Palliativversorgung. Kognitive Förderung. Musik. Bewegung. Bezugspersonen. Kombinationstherapie – Medikamente und nicht-medikamentöse Verfahren. Aber Kombination kostet Personal. Personal kostet Tarifverträge. Tarifverträge kosten keine Aktionäre.
Ich habe in der Arbeiterklinik gesehen, was Therapien anrichten, die niemand bezahlen kann. Ich benenne das Molekül. Ich benenne auch jene, die an seinem Verkauf verdienen.
Sechs Monate. Mehr nicht. Aber für sechs Monate wird gezahlt, als sei es ein Leben.
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