Blutgeld und Buchhalter - Pharmas Schuldverschiebung
In Brüssel und Bern läuft dasselbe Stück, nur die Kostüme wechseln. Die Pharmakonzerne, deren Wirkstoffe in jeder zweiten Hausapotheke stehen, zeigen mit dem Finger auf andere. Pharmacy Benefit Managers, kurz PBM, heißen heute die Sündenböcke. Die Lobbyisten der Hersteller streuen die Erzählung wie Konfetti auf eine Trauerfeier: nicht wir treiben die Preise, die Zwischenhändler kneten die Zahlen.
Doch die Spur führt zurück. Die Europäische Kommission ermittelt gegen Hersteller und Wirtschaftsverbände wegen mutmaßlicher Preisabsprachen bei chemischen Zusätzen - mitten in der Pandemie, mitten im russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Rohstoffe wurden teurer, so die offizielle Lesart. Die Ermittler in Brüssel lesen Geschäftsberichte. Sie fragen: wer hat das Patent, wer zahlt die Studie, wer sitzt im Aufsichtsrat?
Eli Lilly hat Beschwerde gegen die EU-Kommission eingereicht. Klare Regeln, sagt das Unternehmen. Die Kommission kennt klare Regeln - sie hat in den letzten Jahren Kartelle in der Auto-, Banken- und Lebensmittelbranche zerschlagen. Sanktionen folgten, Strukturen brachen.
In der Schweiz geht das Parlament einen anderen Weg. Vertraulichkeit bei Arzneimittelpreisen soll gesetzlich eingehegt werden. Peter Schaar, einst Bundesdatenschutzbeauftragter, hat es unmissverständlich formuliert: Rabatte, die die Industrie den Krankenkassen gewährt, müssen offengelegt werden - gerade dort, wo viele Millionen Euro fließen. Wer zahlt den Preis? Wir alle. Wer sieht die Rechnung? Niemand.
Die Beschuldigten haben das Recht zu antworten. Das ist europäisches Recht, und es gilt auch für Pharmakonzerne. Doch das Recht zu antworten ist nicht das Recht zu verschweigen. Die Hersteller wissen: Intransparenz ist ihr wichtigster Verbündeter. Bleibt der Rabatt im Verborgenen, bleibt der Gewinn im Verborgenen. Bleibt der Gewinn im Verborgenen, bleibt der Preis eine Black Box.
Ich habe Beipackzettel gelesen, die niemand liest. Ich habe Geschäftsberichte gelesen, die alle lesen sollten. Was ich sehe: eine Industrie, die sich nicht reformiert, weil sie nicht reformiert werden muss. Sie externalisiert die Schuld. Sie lobbyiert gegen Transparenz. Sie nennt es Verhandlungsfreiheit.
Die offene Frage bleibt: Wie viele Ermittlungen, wie viele Beschwerden, wie viele Schaar-Worte braucht es, bis die Blackbox geöffnet wird? Die Pharmakonzerne wissen, was in der Schachtel liegt. Sie wissen es sehr genau.
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