DAS SCHATTENBUCH — 256,8 BILLIONEN DIE NIEMAND VOLLSTÄNDIG SIEHT
256,8 Billionen Dollar. Ich schreibe die Zahl auf meine Untertasse, weil ich ihr nicht traue. Sie steht im Bericht des Financial Stability Board, Stand 2024. Das Volumen der Nichtbanken-Finanzintermediation. Eine Viertelbillion.
Ich rauche langsam. Vor mir liegt das Eingeständnis eines Systems, das seine eigenen Bücher nicht mehr lesen kann.
Patrick Montagner vom EZB-Aufsichtsrat formuliert es nüchtern: Banken und Nichtbanken sind über drei Kanäle verflochten — Einlagen, Kredite, Wertpapiere. Drei Kanäle, sagt er. Ich sage: drei Wege, auf denen Risiko wandert, ohne dass jemand weiß, wo es steht.
Eine Bank leiht einem Private-Credit-Fonds. Derselbe Fonds leiht derselben Firma, der auch die Bank direkt Geld gibt. Beide Posten erscheinen getrennt. Zusammengenommen sind sie ein Klumpen, den kein Aufseher sieht. Montagner nennt es Konzentrationsrisiko. Ich nenne es ein Scheunentor mit Gold.
256,8 Billionen. Höhere Hebelwirkung. Liquiditätsmismatches. Alternative Investmentfonds, die mehr versprechen als sie halten. Klingt nach 1929. Nur digitaler, schneller, undurchsichtiger.
Die Aufseher basteln. Die FATF, das Basel Committee — Namen, die niemand kennt, die aber über unseren Schlaf wachen sollen. Die EU diskutiert Legislation, die EZB sammelt Daten, die sie selbst als lückenhaft einstuft. „Exploratory review" nennen sie das. Ich sage: Wir tasten im Dunkeln und geben uns Führungen.
Die Struktur trägt sich selbst. Banken verdienen an jeder Schicht. NBFIs verdienen an jeder Hebelstufe. Niemand will Transparenz. Alle wollen das nächste Quartal.
Internationale Zusammenarbeit? Notwendig, sagen die Berichte. Ich frage: zwischen wem? Zwischen Aufsehern, die nicht dieselben Daten sehen? Die Dynamik der Regulierung ist keine Dynamik — sie ist Reaktion. Sie kommt, wenn das Geld schon woanders steht.
Unklar bleibt, wer zahlt. Nicht für die Beratung. Für den Tag, an dem ein Fonds kippt und die Ketten nachziehen.
Ich klopfe die Pfeife aus. 256,8 Billionen. Morgen mehr.
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