Sauberkeit als Behauptung — die Pharmaakte
Zwei Fälle, ein Muster. In Durham, North Carolina, steht eine Impfstoffanlage von Merck — und das, was Ronald Kavanagh dort als FDA-Inspektor vorfand, war kein Produktionssaal, sondern ein Biohazard-Albtraum. Kavanagh wurde nicht befördert. Er wurde entlassen, nachdem er die Risiken benannt und auf die Verstrickungen zwischen Aufsicht und Unternehmen hingewiesen hatte.
Parallel spielt sich Biogens Alzheimer-Studie mit dem Wirkstoff Aducanumab ab. Datenmanipulationen wurden aufgedeckt. Hirnschwellungen traten auf — und werden als „erträglich" deklariert. Die Studie wird trotzdem genehmigt. Eine erneute CHMP-Überprüfung soll europäischen Patienten den Zugang verschaffen — beschränkt auf leichte Alzheimer-Verläufe. Was die Patientenbasis schrumpfen lässt und die wissenschaftliche Kritik in die Indikation selbst einschreibt.
Zwei Skandale, ein Mechanismus. Die Aufsicht kooperiert mit dem Hersteller, der Whistleblower fliegt raus, die Zulassung kommt trotzdem. Im Reinraum wachsen Kontaminationen, im Studienbericht wachsen die Zahlen — und im Aufsichtsrat sitzen die gleichen Leute, die später über die Sicherheit der Patienten entscheiden.
Die Frage ist nicht, ob Qualitätskontrollen nötig sind. Die Frage ist, wem die Kontrolle gehört. Wenn der Inspektor gehen muss, weil er die Wahrheit sagt, dann ist die Inspektion Teil der Inszenierung. Dann ist die behördliche Empfehlung eine Marketingbroschüre mit Stempel.
Wer sitzt in den Aufsichtsgremien? Wer bezahlt die Studien? Wer entscheidet, welche Nebenwirkung „erträglich" ist? Unklar bleibt, wie viele Dokumente in Schubladen liegen, die niemand öffnet — und wer sie dort ablegt.
Aducanumab, Merck, Kavanagh. Drei Namen, eine Struktur. Die Pharma produziert nicht nur Wirkstoffe. Sie produziert Zustände — Zustände, in denen Kritik zur Disziplinarmaßnahme wird und Sorgfalt zum beruflichen Risiko.
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