Kadcylas stiller Preis: Das NCCN-Diktat der Fortsetzung
Die NCCN-Richtlinie spricht von „Fortsetzung bis die Toxizität unakzeptabel wird". Schön formuliert. Wer aber bestimmt das Maß des Unerträglichen? Die Patientin — allein, zwischen Laborwerten und einem Aufklärungsbogen, den niemand Zeit hat zu lesen.
T-DM1, Handelsname Kadcyla, ist das Präparat von Genentech, heute im Besitz von Roche. Ado-Trastuzumab-Emtansin: ein Antikörper, gekoppelt an ein Zellgift. Er verlängert das Überleben bei HER2-positivem Brustkrebs. Das ist die eine Wahrheit. Die andere: Thrombozytopenie, Lebertoxizität, in seltenen Fällen Lebernekrose. Diese Schäden stehen in den Beipackzetteln — kleingedruckt, in Tabellen, die kein Krebspatient um drei Uhr nachts studiert.
Regelmäßige Überwachung der Thrombozyten und Leberwerte, so die Leitlinie. Entscheidend. Doch wer sitzt im Aufsichtsrat der Zulassungsstudien, wer finanziert die Publikation, die den Standard setzt? Die Frage stellt die NCCN nicht. Sie empfiehlt lediglich die Einbeziehung der Patientin in die Entscheidung — als wäre Aufklärung ein Akt der Höflichkeit und nicht der Aufsichtspflicht.
Unserer Redaktion liegt ein Hinweis vor, dass Whistleblower aus den Studien schwere Leberschäden früher meldeten, als die Fachöffentlichkeit erfuhr. Welche Standorte, wie viele Fälle — unklar. Bekannt ist nur: Die Leber verliert siebzig Prozent ihrer Funktion, bevor sie schmerzt. Da mögen Patientinnen noch so ehrlich ihr abendliches Glas Wein, ihre Limonade, ihre „natürlichen" Nahrungsergänzungsmittel verzeichnen — stille Killer, die der Onkologe im Aufklärungsgespräch nicht thematisiert. Grüner Tee in Hochdosis, Kava, Leberdetox aus der Apotheke. Waschmaschinen für die Leber, die den Schaden anrichten, den sie vorgibt zu heilen.
Wer soll unter laufender Therapie beurteilen, ob sein Leberschaden unakzeptabel ist, wenn das Organ selbst stumm bleibt bis zur Vernarbung? Im Aufsichtsrat von Roche sitzen jene, die an jeder weiteren Infusion verdienen. Im Wartezimmer sitzen jene, die auf jede weitere Infusion hoffen. Dazwischen — FIB-4-Scores und FibroScans, die niemand bestellt, solange die Leitlinie Fortsetzung empfiehlt.
Die Leber ist das einzige Organ, das regeneriert. Aber nur, wenn man ihr die Zeit gibt. Die NCCN gibt sie ihr nicht. Roche auch nicht.
❖ Ende des Artikels ❖
