Sortiert, gewogen, vergessen
AlgorithmWatch arbeitet in einem Berliner Büro daran, was die Mächtigen der Branche seit Jahren höflich verweigern: hinzusehen. Algorithmen fairer zu machen, die Risiken algorithmischer Systeme aufzuklären — ein Unterfangen, das in seiner Notwendigkeit erschreckt.
Die Diskriminierung, die diese Systeme erzeugen, trifft jene, die ohnehin schon im Schatten stehen. Menschen mit Behinderungen etwa, deren digitale Assistenz durch dieselbe Technik zur Ausschlussmaschine werden kann. Es sind die bereits Benachteiligten, die unter den unsichtbaren Sortierern leiden — und niemand bemerkt es, weil die Mechanismen der Macht ihre Spuren geschickt verwischen.
Eine Untersuchung von Global Witness hat aufgedeckt, was geschieht, wenn man doch hinsieht: Auf TikTok und X wurden in Deutschland vor den Bundestagswahlen 78 beziehungsweise 64 Prozent der algorithmisch empfohlenen politischen Inhalte der AfD zugerechnet — bei Umfragewerten von rund zwanzig Prozent. Die Maschinen arbeiten nicht im Dienst der Demokratie, sondern im Dienst einer einzigen Größe: des Nutzerengagements. Was Aufmerksamkeit bindet, hat die Geschichte des Boulevards gelehrt, ist selten das Vernünftige.
Die Europäische Union hat mit dem Digital Services Act ein Instrument geschaffen, das Forschern Zugang zu Plattformdaten verschaffen soll. Doch der Rahmen ist, wie so vieles aus Brüssel, noch nicht vollständig umgesetzt. Was bleibt, ist ein Versprechen auf Sicht.
Die Maschinerie indes ist längst global. Weibo etwa bietet einzigartige Mechanismen zur Sichtbarkeitssteigerung und Krisenbewältigung; sie ist entscheidend für Krisenkommunikation und die Aktivierung von Influencern zur Markenmaximierung. Sie steht vor denselben Herausforderungen durch Algorithmen und Diskussionsmanipulation wie andere soziale Medien weltweit. Offen bleibt, wem diese Architektur nützt — und wessen Wettbewerbsfähigkeit geschwächt wird, wenn andere Länder, insbesondere die USA, im Ringen um die digitalen Sortierregeln ins Hintertreffen geraten.
AlgorithmWatch sieht hin. In einer Welt, die vom Wegsehen lebt, ist das bereits ein Skandal.
❖ Ende des Artikels ❖
