Zwei Milliarden Tonnen — und wer am Tisch nicht sitzt
Die Europäische Union nennt ihre Klimagesetze Stolz der Wertegemeinschaft. Man liest CBAM, man liest Deforestation Regulation, man liest CSDDD — drei Buchstaben, die wie Aktenzeichen klingen, weil sie es sind. Aktenzeichen gegen ein Klima, das keine Berufung kennt. Was als unilaterale Maßnahme wahrgenommen wird, unterstreicht eine Notwendigkeit, die in Brüssel nur ungern ausgesprochen wird: globale Lösungen. Doch wer in Brüssel spricht, hört vor allem Konzernflüsterer.
Die Volumina sind nüchtern. Mehr als zwei Milliarden Tonnen CO2-Emissionen stehen am Mittwoch zur Abstimmung — fast zwei Drittel der jährlichen Emissionen der EU. Eine Zahl, so groß, dass sie in jeder Talkshow verschwindet, sobald das erste Logo eingeblendet wird. Arcelormittal, ExxonMobil, Tata Steel, Shell, TotalEnergies. Namen, die einst auf Verhandlungsprotokollen standen und die heute Lobbybriefe schreiben, in denen das Wort Verträglichkeit durch das Wort Beitrag ersetzt werden soll. Ein Federstrich, der Verpflichtung in Empfehlung verwandelt.
ExxonMobil und TotalEnergies versuchen nachweislich, die Gesetze zu schwächen. Sie versuchen es leise, in jenen Ausschüssen, deren Sitzungsprotokolle niemand liest. Die geplante Reduktion der Klimawandel-Übergangspläne gefährdet die ohnehin kühlen Klimaziele der Union. Man kann das einen Kompromiss nennen. Man kann es auch einen Sieg der Bilanzen nennen.
Denn dasselbe Regelwerk, das Großunternehmen als Chance begreifen, schließt die Kleinen aus. Tata Steel nennt CBAM eine Chance. Der indische Stahlriese hat 28 Milliarden Dollar Umsatz und Werke in Europa. Eine Kleinbauernkooperative in Äthiopien hat weder das eine noch das andere. CBAM und die Deforestation Regulation belasten genau diese SMEs, diese kleinen Landwirte in Entwicklungsländern, deren Ressourcen nicht einmal für neue Software reichen — geschweige denn für die Zertifizierung entwaldungsfreier Lieferketten. Eine UN-Studie beziffert: 79 Prozent der südostasiatischen SMEs müssen neue technische Fähigkeiten erwerben, um überhaupt teilnehmen zu können. Wer nicht teilnimmt, fällt aus den globalen Lieferketten. Das ist nicht Kollateralschaden. Das ist Architektur.
Indessen sitzt ein anderer Tisch — jener der Kohlenstoffentfernungen. Die EU bereitet ein Zertifizierungssystem für dauerhafte CDR vor, ein wichtiger, wenn auch verspäteter Schritt, Kohlenstoffentfernung in die Klimapolitik zu integrieren. Eine regulatorische Ausnahme, etwa im Rahmen von CORSIA, könnte die Nachfrage erheblich steigern. Allein: die Klimaminister verstehen das Problem, die Verkehrsminister entscheiden. Ein Koordinationsversagen, das sich hinter einer Flugbuchung versteckt.
Die Handschuhe liegen bereit. Die Handschrift ist gewohnt. Man unterschreibt in Brüssel, man wartet in Genf, man zahlt in Jakarta. 1937 spielten die Mächte Schach um Landkarten. 2025 spielen sie Schach um Lieferketten. Die Bauern stehen noch immer dort, wo sie standen.
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