Gothams unsichtbares Netz, Europas leiser Rückzug
Gotham nennt sich selbst „Operating System for Global Decision Making". Wer so eine Maschine etikettiert, hat den Euphemismus bereits mitverkauft. Auf dem Brett, auf dem 1937 alle Figuren ziehen, ist das kein Werkzeug mehr, sondern ein Spieler, der mit eigenen Augen sieht. Es ist ein Gedächtnis, das nichts vergisst — weder Tattoo noch Aufenthaltsstatus, weder Nummernschild noch Privatnachricht. Wenn Behörden ihre fragmentierten Akten in eine durchsuchbare Wolke gießen, verschiebt sich das Verhältnis zwischen Staat und Bürger: Was einst Wochen der Recherche brauchte, geschieht heute in Stunden. Die Effizienz ist nicht zu leugnen. Die Frage ist nur, wer sie bezahlt.
Sechs europäische Regierungen haben in diesem Jahr eine Antwort gegeben — ohne sie auszusprechen. Spanien reiht sich ein: Das Madrider Ministerium weist staatliche Beteiligungen wie Telefónica, Indra und Navantia über die Holding SEPI an, keine neuen Verträge mit Palantir zu schließen. Frankreich hat die DGSI, elf Jahre nach den Pariser Anschlägen, von Gotham auf das heimische ChapsVision umgestellt. Deutschland schließt wenigstens die Bundeswehr aus; Thomas Daum, Chef der Cyber-Abwehr, formuliert es ohne Tremolo: Es sei „schlichtweg nicht vorstellbar", Industriepersonal Zugang zur nationalen Datenbank zu gewähren. Großbritannien geht öffentlich den entgegengesetzten Weg und stemmt sich gleichzeitig dagegen: Rund 670 Millionen Pfund an Palantir-Verträgen, ein NHS-Datenpaket, das ein Parlamentsausschuss als „unannehmbare Schwachstelle" bezeichnet — mit Ablaufdatum 2027. Die Niederlande nutzen die Plattform enger, behalten aber die Deutungshoheit.
Was hier zutage tritt, ist weniger ein Skandal als eine Mechanik. Wer Gotham nutzt, kauft ein Gedächtnis, das nicht ihm gehört. Das Unternehmen plant, privat zu bleiben, keinen Börsengang, internationales Investitionskapital als Treibstoff. Datenschutzaktivisten beobachten jede Ausschreibung; sie sind die Kundschafter einer Verschiebung, die Parlamente selten beim Namen nennen. Nicht weil es geheim wäre. Sondern weil die Wahrheit in Klauseln steht, die niemand liest.
Dabei wuchs in London jüngst ein £28-Millionen-Vertrag mit dem Verteidigungsministerium — eine Ausweitung der operativen Reichweite. In Spanien läuft das €16,5-Millionen-Engagement der Streitkräfteaufklärung im November aus; über die Verlängerung wird leise verhandelt. Die Strukturen bleiben — solange man sie nicht benennt.
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