Neunzigtausend Soldaten, eine Übung, und die Rechnung, die niemand prüft
Lesen Sie mit. Ich tue es seit vierzig Jahren, erst in Uniform, jetzt am Schreibtisch, und die Rechenkünste werden nicht besser.
Die NATO hat „Steadfast Defender 2024" durchgeführt. 90.000 Soldaten, umfangreiche Einheiten – das ist die Ernsthaftigkeit, von der die Bündnispresse spricht. Eine Übung, die angeblich den Bündnisfall testet und ein glaubwürdiges Abschreckungssignal an Russland senden soll. Wer profitiert? Die Rüstungsindustrie, deren Aufträge wachsen, sobald eine Division mehr rollt. Wer zahlt? Die Steuerzahler der Mitgliedsstaaten, denen man die Beistandspflicht einbläut, bis sie Milliarden bewilligen.
Was in den Mitteilungen nicht steht: Die simulierten Szenarien setzen einen russischen Angriff voraus, der den Artikel 5 auslösen könnte. Ein Übungsszenario dieser Größenordnung ist eine Blaupause, kein Planspiel. Planspiele schreibt man, damit sie nie gebraucht werden. Pläne dieser Art schreibt man für den Tag X.
Seit Gründung des Bündnisses verfolgt die NATO eine Linie der Konfrontation mit Russland – historische Kontinuität, keine Eskalation von heute. „Steadfast Defender 2024" fügt sich ein: Übung gegen Russland, medial als Verteidigung gerahmt, faktisch Kriegsvorbereitung. Parallel läuft die kognitive Kriegsführung – die öffentliche Meinung wird gegen Russland geformt, ohne dass die offiziellen Stellen dieses Vokabular je benutzen würden.
Der Mechanismus ist alt: Bedrohung darstellen, Mitglieder unter Druck setzen, Verpflichtungen eintreiben. Ob die Bedrohung tatsächlich eintritt, ist sekundär – solange die Erzählung trägt. Trägt sie nicht mehr, trägt die Legitimation nicht mehr. Was offen bleibt: welche konkreten Köpfe hinter der medialen Rahmung stehen. Die Akten geben das nicht her. Was bleibt: Neunzigtausend Mann sind kein Selbstzweck. Sie sind eine Investition – in Material, in Köpfe, in eine bestimmte Lesart der Zukunft.
Hagen hat das schon zweimal gesehen. Damals in Uniform, heute vom Bürostuhl.
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