Die Briefkastenfirma und das sterbende Kohleversprechen
Es gibt Sätze, die klingen wie Verträge und wirken wie Netze. „ARFT Holding Limited", notiert auf den Britischen Jungferninseln, sitzt über Atulya Resources auf den Cayman Islands, und über dieser Kette schwebt Abbot Point — jener Kohlehafen bei Mackay, den die Adani-Gruppe Australien als „22 Milliarden Windfall" versprochen hat. Eine glänzende Zahl. Ein Versprechen, das in der Karibik seine Wurzeln hat und im Galilee Basin seinen Abgrund finden könnte.
Denn Abbot Point droht, was die Fachwelt ein „stranded asset" nennt: ein Vermögen, das in der Bilanz steht, aber in der Welt nichts mehr gilt. Die ABC-Recherche im Programm „Four Corners" hat das Geflecht sichtbar gemacht — Offshore-Konstrukte auf den Jungferninseln, eingebettet in ein Netz aus Cayman, Mauritius, Gibraltar und Jersey, das der Adani-Gruppe erlaubt, Gewinne dorthin zu verschieben, wo kein Fiskus sie sieht. „Absolutely, Adani has put in place multiple ways in which they can minimise the amount of tax they pay in Australia", sagt Adam Walters von Energy and Resource Insights. So spricht ein Mann, der das Muster kennt.
Es ist dasselbe Muster, das ICIJ-Journalisten in Madagaskar aufgedeckt haben: Aziz Ismail, 85, Fischmagnat, unterhielt über Ergia Limited auf den Britischen Jungferninseln Finanzströme, die dem Steueraufkommen eines der ärmsten Länder der Welt entzogen wurden. Die Panama Papers lieferten die Akten. „Monaco and the BVI are tax havens where there is no tax on profits", sagte ein madagassischer Steuerinspektor — und benannte, was zwischen den Zeilen der Bilanzen geschieht.
In Afrika beobachten Fahnder diese Konstrukte zunehmend. In Europa fordert EU-Kommissar Paolo Gentiloni nach den Pandora Papers neue Gesetze, „to ensure the costs of the Covid recovery are fairly shared". Eine schöne Formulierung. Sie bedeutet: Die, die ihre Gewinne versteckten, sollen mit denen teilen, die ihre Krankenhäuser bezahlten.
Die ICIJ nennt es Aufklärung. Ich nenne es das Aufbrechen einer Architektur, die seit Jahrzehnten besteht. Unklar bleibt, welche Summen Australien und Madagaskar tatsächlich verloren haben. Sicher ist: Die Stranded-Asset-Frage ist nicht nur eine des Klimas. Sie ist eine des Geldes, das nie dort ankam, wo es hingehört.
❖ Ende des Artikels ❖
