Giftmunition: Wenn das Foto vor dem Mörser kommt
Ich habe in zwei Kriegen gelernt, dass die erste Salve selten vom Mörser kommt. Sie kommt vom Lautsprecher. Heute kommt sie vom Server. Die Deutsche Welle hat ein Faktencheck-Team, das genau diese Salve untersucht – und was dabei herauskommt, ist eine Landkarte der Lügen.
Seit dem 24. Februar 2022 tobt ein doppelter Krieg. Auf dem Schlachtfeld und im Netz. Wer die Deutungshoheit hat, hat den nächsten Mobilisierungstag. Putins Behauptung, die Ukraine wolle Atomwaffen – Falsch. Die Vorlage: Selenskyjs Münchner Rede über das Budapester Memorandum. Fakten verdreht, Kontext amputiert, Zielgruppe im eigenen Sprachraum.
Es sind nicht immer die ganz großen Lügen. Es sind die wiederverwerteten. Im März 2023 zählte das EDMO-Netzwerk 1.006 Faktenchecks in der EU. Sechzehn Prozent davon zum Ukraine-Krieg, neun Prozent zur Pandemie, neun Prozent zum Klimawandel. Verschwörungen über die "15-Minuten-Stadt", erfundene Impf-Nebenwirkungen, Verleumdungen gegen Selenskyj. Das sind keine Zufälle. Das ist ein Muster, das sich an verfügbaren Narben orientiert.
Und dann die neue Munition: KI-generierte Bilder. Fünf Prozent der Faktenchecks im März – noch niedrig, sagen die Analysten. Aber der Trend zeigt nach oben. Putin kniet vor Xi. Trump wird verhaftet. Der Papst im Daunenmantel. Ein AfD-Abgeordneter postet ein KI-Bild von "aggressiven Männern" – bewusst konstruiert, um Vorurteile zu bedienen. Sechs Finger, deformierte Ohren. Wer das nicht sieht, will es nicht sehen.
Offen bleibt, wer die industriellen Kapazitäten hinter diesen Kampagnen finanziert. Klar ist: Echtheitszertifikate für Medieninhalte könnten Deepfakes eindämmen. Klar ist auch: Reverse Image Search und Metadatenanalyse helfen – ersetzen aber keine gerichtsfeste Beweissicherung. Und je besser die KI wird, desto schwerer wird die Erkennung. Regulierung wird Pflicht.
Am Ende hilft nur eines: Medienkompetenz. Nicht als Floskel. Als Verteidigungslinie. Denn wer das Foto nicht liest, liest auch den Waffenstillstand nicht.
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