Die Handschuhe der Verhandler — Gene Drives und das dünne Moratorium
Man nehme einen Stift, ein Protokoll, ein Versprechen. Dann Handschuhe — nicht aus Höflichkeit, sondern weil man spurenlos verhandeln will. So sehen sie aus, die neuen Landkarten der Macht: gezogen in Basenpaaren, besiegelt mit jener Ungeduld, die unter dem Banner der Forschung ganze Populationen umzuschreiben gedenkt. Gene Drives durchbrechen die Regeln der Vererbung. Was einst Generationen brauchte, trägt sich heute in einer Keimbahn fort — samt der Möglichkeit, genetische Merkmale vollständig in einer Population zu verbreiten und natürliche Vererbungs- und Selektionsprozesse zu überwinden.
Die Diagnostik unserer Tage liest RNA und Proteine. Sie liest auch jene Verträge, die niemand unterzeichnet — und diese Verträge sind dünn. Es gibt derzeit keine ausreichenden internationalen Regelungen oder Verfahren, die kontrollieren, was geschieht, wenn eine genetische Konstruktion sich selbst durch eine Population trägt. Irreversibel. Ökologisch. Wer das Alphabet eines Lebewesens umschreibt, schreibt das Alphabet aller.
Während eine weltweite Moratoriumsforderung im Raum steht — Rufe nach strengeren Regulierungen, internationalen Abkommen und Sicherheitsmaßnahmen —, arbeiten andere im Hintergrund daran, die Regulierung zu lockern. Wer profitiert vom Bruch des Moratoriums? Unklar bleibt, welche Akteure hinter verschlossenen Türen die Deregulierung betreiben. Die Richtung indessen lässt sich ablesen: Die Technologie birgt erhebliche Risiken und potenzielle Umweltschäden, die Biodiversität wird weiter gefährdet.
Ich schreibe mit Handschuhen. Nicht aus Furcht vor Ansteckung, sondern weil ich die Abdrücke derer kenne, die unter dem Deckmantel molekularer Präzision ganze Tier- und Pflanzenpopulationen zu verändern oder auszurotten gedenken — mit der ruhigen Hand eines Buchhalters, der das Alphabet der Auslöschung in seine Bilanz einträgt.
❖ Ende des Artikels ❖
