Wer verkauft, hat schon verloren — Vestas siegt, Siemens Gamesa zerlegt sich
Man muss den Vertrag nicht lesen, um zu wissen, was gespielt wird. Man muss nur zählen, wer am Tisch sitzt und wer aufsteht. ABB sitzt. Siemens Gamesa steht. Und Vestas? Vestas steht längst woanders — auf den Bewertungslisten ganz oben, dort, wo eine Unternehmenskultur nicht zerrieben, sondern getragen wird.
Die Comparably-Daten sagen es ungeschminkt: Vestas Wind Systems wird in CEO-Bewertungen und Unternehmenskultur besser bewertet als Siemens Gamesa. Das ist keine Meinung, das ist ein Urteil des Marktes über jene Substanz, die keine Pressemitteilung erzeugen kann: Vertrauen nach innen, Glaubwürdigkeit nach außen. Während die Madrider Pressestelle noch das gemeinsame Bekenntnis mit Repsol zu erneuerbaren Energien und spanischen Klimazielen formuliert, hat das Mutterhaus bereits entschieden, das Herzstück der eigenen Konversionstechnologie an einen Wettbewerber zu veräußern.
Die Transaktion ist entlarvend in ihrer Nüchternheit. ABB übernimmt das Power-Electronics-Geschäft von Gamesa Electric — DFIG-Windkonverter, industrielle Batteriespeicher, Solar-Wechselrichter im Versorgungsmaßstab. Hundert spezialisierte Ingenieure, zwei Werke in Madrid und Valencia, 400 Mitarbeiter, eine Umsatzbasis von rund 170 Millionen Euro im Geschäftsjahr bis September 2024. Obendrauf: ein zusätzliches installiertes Leistungsvolumen von etwa 40 Gigawatt, das ABB nun mit seiner globalen Servicestruktur heben kann. Chris Poynter, Präsident der Division System Drives, spricht von „profitablem Wachstum" und davon, die Beziehung zu Siemens Gamesa als Schlüsselkunden zu stärken. Man verkauft seinem Kunden die eigene Technologie und nennt es Beziehungspflege. In Genf hätte man höflich genickt.
Die Internationale Energieagentur prognostiziert bis 2030 jährlich fast 940 Gigawatt neu installierter Erneuerbarer Kapazität — Solar und Wind tragen 95 Prozent davon. Das ist der rationale Kern der Übernahme, und ABB nutzt ihn, ohne ihn zu erfinden. Siemens Gamesa wiederum inszeniert parallel den SG 15-236 als neuen Maßstab für die Industrialisierung der Offshore-Windenergie, während es spanische Produktionsstätten und lokale Lieferketten preist, die bald einem anderen gehören. Lokale Wertschöpfung? Gewiss. Aber für wen?
Die Mechanik ist alt und sie funktioniert: Der eine veräußert seine Substanz, um Bilanzen zu glätten. Der andere kauft sie zum strategischen Preis, eingebettet in die Erzählung vom Klimaziel. Vestas steht abseits und gewinnt das wichtigste Spiel — das um die Menschen, die in diesen Unternehmen arbeiten. Offen bleibt, was mit den 400 Beschäftigten geschieht, deren Verträge nun nicht mehr in Hannover, sondern in Zürich liegen. In der Branche weht der Wind gerade aus zwei Richtungen: nach vorn in eine grüne Zukunft, und nach hinten zu jenen, die sich am Ende fragen müssen, wem ihr Handwerk nun gehört.
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