AS METAVERSE UND DIE SCHWEIGENDEN ALGORITHMEN
Der Mann nennt sich Visionär. Andere nennen ihn das, was er ist: der größte Aktionär einer Firma, die gerade ein Fünftel ihres Wertes in zwei Stunden verliert. Mark Zuckerberg hat siebzig Prozent seines Börsenwerts in einem Jahr vernichtet. Die Meta-Aktie notiert auf dem Niveau von 2016, als Facebook noch cool war und Tiktok ein Wort, das niemand buchstabieren konnte.
Zuckerberg spricht von historischer Bedeutung. Er spricht von Jahrzehnten, die zeigen werden, dass er recht hatte. Er spricht so viel über die Zukunft, weil die Gegenwart nach verbranntem Geld riecht. Umsatz sinkt. Gewinn sinkt. Zum zweiten Mal in Folge. Und der Chef verspricht: jene, die Geduld haben, werden belohnt.
Die Geduld der Aktionäre ist eine endliche Ressource.
Zuckerberg hält Aktien mit zehnfachem Stimmrecht. Er kann gegen den Willen aller anderen Anteilseigner entscheiden. Er will bis 2030 eine Milliarde Menschen in virtuelle Welten locken — Welten, die bislang ein gewaltiges Verlustgeschäft sind. Welten, in denen Menschen mit virtuellen Beinen herumlaufen, weil selbst das noch eine Ankündigung wert ist.
Doch das ist nur die Bilanz. Die Bilanz lügt nicht, aber sie verschweigt.
Während Zuckerberg Milliarden in eine Zukunft verbrennt, die niemand bestellt hat, filtern seine Algorithmen die Vergangenheit. In Barcelona sperrte Meta die Werbung für Virginia Woolfs „A Room of One's Own" — einen Essay von 1928 über Frauen, Bildung und das Recht auf ein Zimmer mit Schloss. Das Teatre Raval, 193 Sitzplätze, wollte das Stück bewerben. Meta erklärte, jede Erwähnung von Bürgerrechten, Feminismus oder sozialem Wandel werde vom automatischen System als „soziales Thema" klassifiziert und ausgefiltert. Empfehlung des Konzerns: Schlüsselwörter entfernen.
Ein Unternehmen, das das nächste Internet bauen will, kann Virginia Woolf nicht von Spam unterscheiden.
Meta sprach von einem Fehler. Der Fehler sei schnell behoben worden. Die Anzeige laufe wieder. So sagt man das in Menlo Park. Es war ein Fehler. Es war ein Algorithmus. Es war das System.
Virginia Woolf hat 1928 nicht geschrieben, weil ihr die Worte fehlten. Sie hat geschrieben, weil man ihr den Raum nahm. Heute, fast hundert Jahre später, nimmt ihr ein Algorithmus wieder den Raum — diesmal den digitalen. Und die Firma, die das nächste große Ding verspricht, kann nicht erklären, warum.
Wer profitiert? Zuckerberg, der seinen Kurs fährt, koste es, was es wolle. Seine Stimmrechtsaktien sind die eigentliche Architektur des Konzerns — nicht der Algorithmus, nicht die Plattform, nicht das Publikum. Wer verschweigt? Die Maschine, die Fehler macht und sich korrigiert, bevor jemand genau hinsieht. Unklar bleibt, wie viele solcher „Fehler" täglich passieren und niemals eine Theaterbühne finden, die darüber spricht.
Die Bücher von 1937 waren nicht ausgeglichen. Das war kein Versehen. Die Bücher von Meta sind es auch nicht. Man nennt es Investition. Man nennt es Vision. Man nennt es Fehler, solange es niemanden stört.
Virginia Woolf hätte den Raum trotzlich genommen. Sie hat es einmal getan, gegen eine ganze Universität. Gegen einen Algorithmus sollte das leichter sein. Ist es aber nicht.
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