Die Genehmigung im Halbschatten
Wieder liegt ein Puzzle auf dem Tisch. Die Teile passen zusammen — nur will sie niemand zusammensetzen. Da sind die dreizehn gelöschten Sequenzierungen, die der Virologe Jesse Bloom in der Google Cloud fand. Sie stammen aus Wuhan, hochgeladen von einem Labor, dessen Mitbegründer Dr. Aisi Fu heißt. Sie verschwanden aus der Sequence Read Archive, der öffentlichen Datenbank der US-National Library of Medicine. Verschwanden, bevor irgendjemand sie genauer ansehen konnte. Daten verschwinden nicht von selbst. Wer löscht, hat Gründe.
Die naheliegende Erklärung lautet seit fünf Jahren: das Virus kam von Fledermäusen, über einen unbekannten Zwischenwirt, auf den Huanan-Wildtiermarkt in Wuhan. Nur: diesen Zwischenwirt hat bis heute niemand identifiziert. Und Wuhan liegt über tausend Kilometer von den nächsten natürlichen Fledermausreservaten entfernt. Die Geografie stört. Die Zoologie schweigt. Die Theorie stolpert.
Parallel die andere Spur. Das NIH genehmigte mitten in einem bestehenden Moratorium Gain-of-Function-Experimente mit SARS-ähnlichen Coronaviren. Eingereicht von EcoHealth Alliance, einer New Yorker Non-Profit. Geprüft von einem Ad-hoc-Komitee hauseigener NIH-Wissenschaftler, die — so zeigen jetzt per FOIA-Verfahren veröffentlichte E-Mails — nach dem Lesen des Antrags entschieden, die Forschung sei technisch nicht erfasst vom Moratorium. Ein Mitglied schrieb: Wenn es nur ein Gen ist, dann sollte es OK sein. Ein Gen. Ein SARS-Gen, entscheidend für die Infektiösität beim Menschen. Ein restricted select agent. Die Prüfung bestand aus einem Halbsatz. Grünes Licht.
Durchgeführt werden sollten die Chimären-Experimente am Wuhan Institute of Virology. Ohne direkte amerikanische Aufsicht. Rutgers-Professor Bryce Nickels nennt die Dokumente deprimierend — sie zeigten, warum vergangene Politiken gescheitert sind.
Die wiederentdeckten Sequenzen deuten darauf hin, dass SARS-CoV-2 bereits vor dem Ausbruch auf dem Markt zirkulierte. Damit zerbröselt der Huanan-Markt als Spillover-Ort. Es bleibt die Frage, wem die Markt-Geschichte nützte — und wer sie brauchte.
Am Ende stehen zwei Fragen offen. Die eine an die Aufsicht: Wer saß in jenem Komitee, wer hat das Moratorium beiseite gewischt? Die andere an die Wissenschaft selbst: Wenn ein Verbot existiert und ein internes Gremium es mit einem Halbsatz aufhebt — wozu dann das Verbot?
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