VOM FALSCHEN RASEN: WIE TROLLFARMEN UND DIENSTE DIE STIMME ZÜCHTEN
Manche Wörter tragen ihre Geschichte bereits im Klang. „Astroturfing" ist ein solches: Kunstrasen, gemalt über einer Wiese, die nie gewachsen ist. Die Definition ist trocken — die täuschende Praxis, eine orchestrierte Kampagne als unbeauftragte Bürgerstimme zu verkleiden — doch dahinter steht ein Geschäft, das die Demokratie zur Staffage reduziert.
Die Mechanik ist alt, die Geschwindigkeit neu. Trollfabriken sind keine Einzelkeller, keine zerstreuten Störer. Es sind Schichten — Hunderte, teilsweise Tausende Angestellte — jeder mit Dutzenden falscher Identitäten, gefälschten Biografien, gestohlenen Gesichtern, ein ganzes falsches Leben. Sie antworten, sie streiten, sie erfinden Dispute, sie streuen Schlüsselwörter wie Saatgut. Das Produkt ist eine Realität, die keine ist, mit großer Geste verbreitet. Wer noch prüft, ob die Empörung echt ist, hat das Rennen um die Deutungshoheit verloren.
Die Internet Research Agency ist nur das bekannteste Stück im Mosaik. Ihr Gründer, Jewgeni Prigoschin, sprach im Februar 2023 aus, was alle wussten: „Ich habe sie erfunden, ich habe sie geschaffen, ich habe sie lange geführt." Schutz des russischen Informationsraums, sagte er. Die amerikanische Öffentlichkeit nannte es Einmischung in die Wahl 2016. Beides stimmt. Denn das Geschäft versteht beides.
Hier beginnt das Schweigen, das lauter ist als jede Fabrik. China heuerte im Oktober 2004 die ersten Internetkommentatoren an, gebar die 50-Cent-Partei, kaufte Zustimmung für wenige Cent pro Beitrag. Mexiko hat die Peñabots. Indien die digitale Armee der BJP. Großbritannien die 77. Brigade. Überall, wo Urnengänge anstehen, wird der Rasen gesprenkelt. Global. Systematisch. Kein Geheimnis mehr.
Und näher, als manchem lieb ist: die Infiltration der Leitmedien durch Geheimdienste. Überwachungswerkzeuge wie Webloc, die gezielt Personen ins Visier nehmen. Programme, wie sie ICE betreibt, um Kritiker zu identifizieren und zu beobachten. Was als Schutz verkauft wird, ist Beobachtung. Was als Sicherheit deklariert wird, ist die Verengung des Sagbaren.
Die Frage, die bleibt: Wer profitiert? Wer bezahlt? Wer schweigt? Strenge Sanktionen und Transparenzregeln für digitale Agenturen sowie politische Akteure sind nicht weniger als die Bedingung dafür, dass Demokratie nicht zur Bühne wird, auf der nur noch die Lautsprecher der Mächtigen sprechen.
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