Allianzen statt Börsengang: Die Pharmaindustrie und ihr stiller Machtwechsel
Im Jahr 2022 brach die Kapitalaufnahme der deutschen Biotech-Branche auf 812 Millionen Euro ein — ein Rückgang um 67 Prozent. Kein Börsengang, kaum Übernahmen — stattdessen Allianzen. Pharmaunternehmen bündeln ihre Kräfte, weil das Geld knapp und die Märkte kalt geworden sind. Höhere Zinsen, geopolitische Unsicherheiten beendeten den Boom. Klaus Ort von EY nennt es die Rückkehr auf den Boden der Tatsachen. In Deutschland fehlen Geldgeber für größere Summen, die Investoren sitzen meist in den USA. Wer zahlt, bestimmt, was erforscht wird.
Die Allianz als Finanzierungsmodell hat eine Schattenseite. Sie schafft Abhängigkeiten, die kein offener Markt je geschaffen hätte. Biotech-Firmen, die an Krebs-Wirkstoffen, Infektions- und Autoimmunerkrankungen forschen, werden zu Erfüllungsgehilfen großer Pharmakonzerne. Biontech, einst Leuchtturm der Branche mit 47.000 Beschäftigten und drei Milliarden Euro im Boom-Jahr 2020, musste an die Nasdaq ausweichen. Heute ist dieser Weg versperrt. Welche Allianzen genau geschmiedet werden, bleibt im Dunkeln — Preisgestaltung ist Betriebsgeheimnis.
Was hier geschieht, ist eine Machtverschiebung. Wenn Allianzen die Börse ersetzen, entscheiden nicht mehr Märkte, sondern Manager. Eine solche Lösung könnte zu einer neuen Ära der Machtpolitik führen, in der die Mächtigsten die Regeln bestimmen. Transatlantisches Bündnis und liberale Demokratie stehen auf dem Spiel. Was zwischen Trump und Putin droht — ein Deal, der die Ukraine zum Marionettenstaat macht und die EU destabilisiert — folgt derselben Logik: Die Mächtigen setzen sich zusammen, die Schwachen werden verteilt.
Die Niederlande zeigen, was Gegenwehr kostet: drei Milliarden Euro jährlich für die Ukraine, vierzehn Milliarden für die eigene Verteidigung 2027. Drohnenabwehr, Luftverteidigung, Munition. Das ist kein Almosen, sondern die nüchterne Erkenntnis, dass Sicherheit nicht geschenkt, sondern organisiert wird. Während Den Haag aufrüstet, fusioniert die Pharmaindustrie im Stillen. Beide Geschichten erzählen vom Selben: In einer Welt bröckelnder Bündnisse entscheidet nicht mehr das offene Spiel, sondern das stille Kartell. Und wer am Kartell nicht teilhat, bleibt Bittsteller — ob um Sicherheit oder um das nächste Krebsmittel.
❖ Ende des Artikels ❖
