Wasserstoff als Vorhang: Wer den Übergang wirklich verzögert
Manche sagen Wasserstoff, und sie meinen Öl. Sie sagen Energiewende, und sie meinen Stillstand in elegantem Gewand. In Genf habe ich Verträge gesehen, die nach Fortschritt rochen und nach Stillstand schmeckten. Heute tragen sie den Namen Wasserstoff — genauer: blauer Wasserstoff, das Destillat aus Erdgas, das mit einem Taschenspielertrick namens CO2-Abscheidung versehen wird, damit es in der Bilanz der Versorger als Brücke erscheint. Eine Brücke, die zurück in die Reserven führt.
Die Mechanik ist uralt: Was sich nicht mehr verkaufen lässt, wird umetikettiert. Aus Gas wird blauer Wasserstoff, aus einer Erdgasleitung ein Wasserstoffnetz. Die Substanz ändert sich nicht. Die Sprache schon. Und mit der Sprache die Fördermilliarden, die das fossile Erbe wirtschaftlich halten sollen.
Daryl Wilson, Exekutivdirektor des Hydrogen Council, sagt es offen: Die künftige saubere Energieinfrastruktur müsse aus Strom UND Wasserstoff bestehen, blauer Wasserstoff werde gebraucht. Man verneigt sich vor der Wissenschaft, während man jenen Pfad finanziert, den die Wissenschaft als Sackgasse beschreibt. Das ist kein Widerspruch. Das ist Strategie.
Gleichzeitig stehen große Energieunternehmen vor Gerichten. Der Kontrast könnte nicht deutlicher sein: Auf der Bühne preist man Wasserstoff als Heilsbringer, vor Gericht kämpft man um die Deutungshoheit über das, was in den letzten Jahrzehnten wirklich verkauft wurde. Die Handschuhe, die ich trage, sind aus feinem Leder. Die Spuren, die diese Akteure hinterlassen, sind es nicht.
Unklar bleibt, wer eigentlich das Sagen hat: Manager, die Wasserstoff als Brücke propagieren, oder Aktionäre, deren Portfolios ohne die Reserven an Wert verlieren würden. Beide sprechen denselben Satz. Ob aus Überzeugung oder Verzweiflung — die Quellen verraten es nicht.
Was bleibt: Eine ehrliche Wende braucht mehr als Bekenntnisse und Subventionen. Sie braucht Evidenz, skalierbaren grünen Wasserstoff dort, wo er sinnvoll ist — als industrieller Feedstock, nicht als rhetorisches Alibi. Sie braucht technologische Verbesserungen und politische Unterstützung, die den Namen verdienen. Und den Mut zu sagen, dass nicht jeder Wasserstoff gleich Wasserstoff ist.
Wer das Theater nicht durchschaut, zahlt doppelt: einmal die Subvention für blauen Wasserstoff, der die Reserven rettet — und einmal die Rechnung für den Klimaschaden, der nicht verhindert wurde.
❖ Ende des Artikels ❖
