Geplante Spontaneität — Das Geschäft mit dem gekauften Volkszorn
Man nennt es Graswurzel, weil es nach Erde riechen soll. Man nennt es spontan, weil es schnell gehen muss. Und man nennt es Volkswille, weil am Ende keiner mehr prüft, wessen Stimme da eigentlich spricht. Astroturfing — das Wort klingt nach Sportbelag und riecht nach PR-Agentur im dritten Hinterhaus.
Die Mechanik ist bestechend einfach und uralt. Unternehmen und Lobbyisten beauftragen PR-Firmen, die wiederum bezahlte Schreiber, Demonstranten und Kommentatoren losschicken. Offenlegung der Beteiligung? Ein müdes Lächeln. Man lässt die Maske nie anheben — das ist der Trick, und der Trick funktioniert, weil die Kameras auf die Straße gerichtet sind, nicht auf die Kanzlei, die den Demonstrationsantrag bezahlt hat. Wer profitiert? Wer bezahlt? Man schaue auf die Kassenbücher der Kampagnen — dort liegt die Antwort, in sauberen Spalten.
Drei Felder zeigen, wie weit das Handwerk gereift ist. In der Umweltgesetzgebung werden Anwohnerinitiativen gegen Windräder und Tempolimits lanciert, flugs mit Briefvorlagen ausgestattet, die eine PR-Kanzlei in einer Mittagspause entworfen hat. In der Finanzreform ist es eleganter, fast schon höflich: pensionierte Bankiers schreiben Leserbriefe gegen strengere Eigenkapitalregeln, und kein Redakteur fragt nach der honorierenden Hand im Hintergrund. In der öffentlichen Gesundheit geht es am tiefsten, weil Angst der zuverlässigste Hebel ist — der ganze Karneval, choreografiert von Leuten, die ihren Kaffee teuer bezahlen, aber nie auf den Plakaten stehen.
Die Strategie hat einen Namen, der ein Geständnis ist: geplante Spontaneität. Man nehme echte Frustration — die gibt es, sie ist reichlich vorhanden — und gebe ihr ein Megafon, Slogans, die auf Plakate passen, und eine Route, die an Kameras vorbeiführt. Das Ergebnis sieht aus wie Empörung, schmeckt nach Empörung, ist aber inszenierte Empörung. Die sogenannten „No Kings"-Proteste gehören in diese Kategorie: koordiniert, finanziert, beworben als Graswurzel, und doch so sichtbar zentral gesteuert, dass das Wort spontan nur noch als Galgenhumor taugt.
Wer diesem Karussell entkommen will, muss den Blick von der Bühne wenden und auf die Kassenbücher richten. Es hilft der alte Bestand, der älter ist als jede Kampagne: dass man den Nächsten nicht belügt und sich nicht kaufen lässt. Die lauteste Stimme ist selten die ehrlichste, und die ehrlichste selten die lauteste. Wer das vergisst, hat schon verloren — auch wenn er noch so wütend auf dem Platz steht.
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