Recht auf Rauch — Wie der Emissionshandel zur Kriegskasse wird
Elektronisch. Rein elektronisch. Kein Stempel, keine LKW-Kolonnen. Der Handel mit Emissionszertifikaten im EU-Emissionshandelssystem ist eine saubere Sache — so sauber, dass man das Eigentliche kaum noch erkennt. Seit 2005 sollen Zertifikate CO2 dort reduzieren, wo es am günstigsten ist. Klingt zivil. Ist es nicht.
Was hier gehandelt wird, ist das Recht, zu rauchen. Mehr als 10.000 Anlagen in energieintensiven Industrien brauchen für jede Tonne CO2 ein Zertifikat. Wer zu wenig hat, kauft. Wer zu viel hat, verkauft. So weit die Theorie. Die Praxis hat ein Leck.
Europol bezifferte den Schaden auf rund fünf Milliarden Euro. Bis zu 90 Prozent des Marktvolumens: betrügerisch. Der Mechanismus heißt „Missing Trader": Zertifikate werden in einem Land ohne Mehrwertsteuer gekauft, im Ursprungsland mit MwSt. weiterverkauft — der Händler verschwindet, die Steuer mit ihm. Die Niederlande und Spanien haben die MwSt.-Verantwortung umgekehrt, der Käufer haftet jetzt. Andere Mitgliedstaaten? Offen. Was dort verloren geht, bleibt unklar.
Parallel ein zweiter Fehler. Großzügige Gratis-Zuteilungen und die Krise 2008 haben den Markt geflutet — Schwemme, Preisverfall, jahrelang. Die Marktstabilitätsreserve von 2019 und die Löschung überschüssiger Zertifikate ab 2023 sollen korrigieren. Ob das reicht, ist offen. Niedriger Preis, niedriger Druck.
Und im Hintergrund: Ein globaler Kohlenstoffmarkt könnte saubere Energien finanzieren. Aber die Einnahmen aus dem arktischen Öl- und Gasgeschäft Russlands fließen, so die Logik, in militärische und wirtschaftliche Ziele im Ukraine-Konflikt. Die Nordostpassage als Energiekorridor bindet China und Indien an Russland und stärkt dessen Präsenz in der Arktis. Offen bleibt, wer die Routen versichert, wer schweigt.
Buchführung finanziert Kriege. Das war schon immer so.
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