Stahl unter Wasser: Nord Stream 2 und die Geister von 1937
Die Pipeline ist gebaut. 1.200 Meilen Stahl auf dem Grund der Ostsee, 9,5 Milliarden Euro verbuddelt. 55 Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr — wenn sie dürfen. Und das ist die Frage.
Schauen wir genau hin.
Wer profitiert? Russland sichert sich eine zweite Hauptschlagader Richtung Westen, diesmal unter Umgehung der Ukraine. Die Transitgebühren, bisher Zahlmeister für Kyiw, werden umgeleitet — direkt nach Berlin.
Deutschland versucht, sich beide Seiten offenzuhalten. Man will den Komfort der Pipeline und die Transitrechte durch die Ukraine sichern. Wie das gleichzeitig gehen soll, sagen sie nicht.
Die EU hat Fortschritte gemacht — drittes Energiepaket, Liberalisierung des Gasmarktes. Miriam Kosmehl von der Bertelsmann-Stiftung nennt das „enormen Fortschritt". Sie selbst aber sagt: man müsse sicherstellen, dass es „in letter and in spirit" befolgt werde. Wer kontrolliert das? Unklar.
Die ukrainische Diplomatie hat das Assoziationsabkommen aktiviert — erstmals. Ein historischer Schritt, der jetzt irgendwo zwischen Brüssel und Berlin in einer Schublade verschwindet. Was Brüssel sagt: „not a project of common European interest." Was Brüssel tut: nichts Sichtbares.
Auf der anderen Seite stehen Warschau, die baltischen Staaten, London. Boris Johnson sprach von einer kommenden Entscheidung: „mainlining ever more Russian hydrocarbons." Liz Truss ließ sich in Estland in einem Panzer ablichten. Das Bild ist Inszenierung. Die Botschaft nicht.
Trotz der Entscheidung Washingtons, die Sanktionen fallenzulassen — der Widerstand steht. Yuri Vitrenko von Naftogaz sagt es offen: Die Pipeline durch sein Land war ein „Deterrent" gegen den Krieg. Fällt sie, fallen sie auch.
Zugangsbeschränkungen erschweren die Aufklärung. Man soll nicht alles wissen. Wer verschweigt, verschweigt meistens eines: wessen Konto wächst.
1937 bestellte jemand Stahl. Heute bestellt jemand Rohre. Die Logik ist dieselbe.
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