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Terminal Tribune

11. Oktober 2026

Dossier · Politik & Macht

Was Palantir verspricht, hat Europa schon einmal geglaubt

11. Oktober 2026 — — Kastner

Manche Erkenntnisse kommen spät. Andere kommen nie — sie werden nur lauter ausgesprochen, bis das Schweigen unhöflich wirkt. Dass Palantir nun auch den europäischen Agenturen seine Datenanalysetools anbietet, ist keine Neuigkeit. Es ist eine Bestätigung — die Bestätigung einer strukturellen Schwäche, die man seit Jahren kennt und deren Benennung man höflich vermeidet. Jenes Unternehmen, das seinen Namen von den sehenden Steinen Mittelerdes borgt, sieht mehr, als uns lieb sein darf.

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Die Abhängigkeit von ausländischen Technologien, insbesondere aus den USA, ist das, was in Sonntagsreden transatlantische Partnerschaft heißt und in Serverräumen schlicht Geopolitik. Welche Daten fließen, wer sie liest, wer sie hortet, wer sie morgen gegen wen verwendet — das sind keine technischen Fragen. Es sind Machtfragen, getarnt als Schnittstellen.

Eine harmonisierte Strategie zur Entwicklung eigener Technologielösungen ist deshalb nicht nur klug, sondern notwendig. Nationale Sicherheit und technologische Souveränität lassen sich nicht gleichzeitig an amerikanische Konzerne delegieren. Wer die Werkzeuge liefert, mit denen Grenzen kontrolliert, Verdächtige identifiziert und Bewegungen vorhergesagt werden, liefert auch die Definition dessen, was eine Grenze, ein Verdächtiger, eine Bewegung ist.

Dass die EU beginnt, die Nutzung von Palantir einzuschränken, zeigt, dass digitale Souveränität endlich als das verhandelt wird, was sie immer war: eine Frage des Staates, nicht des Marktes. Eine Strategie, die darauf abzielt, ein Ökosystem von Spezialisten aufzubauen, klingt nach Behördenprosa — und ist doch das Eingeständnis, dass man jahrelang auf fremdem Boden gebaut hat.

Unternehmen wie ChapsVision gewinnen an Bedeutung, weil sie die Lücke füllen, die entsteht, wenn man aufhört, sich blind auf einen Lieferanten zu verlassen. Sie ersetzen Palantir in bestimmten Verträgen — nicht aus Idealismus, sondern weil Auftraggeber gelernt haben, dass Monokulturen in der IT so tödlich sind wie in der Landwirtschaft.

Der Übergang ist kostspielig und langfristig. Gut so. Nur teure, langwierige Wege beweisen, dass es jemandem ernst ist. Die Bewegung ist Teil einer breiteren europäischen Strategie, die Kontrolle über Daten und digitale Systeme zurückzugewinnen — und wer dabei zuerst schweigt, wird zuletzt befragt.

Unklar bleibt, wer in den Verträgen der vergangenen Jahre tatsächlich Zugriff hatte. Unklar bleibt, welche Datenströme noch fließen, während Brüssel die Architektur der Souveränität zeichnet. Was man weiß: Die Handschuhe werden angezogen. Endlich.

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