Börse
Terminal Tribune

12. Oktober 2026

Dossier · Politik & Macht

Wie der alte Mythos sich neue Feinde sucht

12. Oktober 2026 — — Kastner

Es gibt Erzählungen, die altern wie Gift. Sie werden nicht entsorgt, sie werden umgefüllt. Die Quelle, die mir diese Woche vorlag, gehört zu dieser Sorte. Sie verknüpft die Diskussion über Machtstrukturen mit antisemitischen Narrativen — und fordert im höflichen Tonfall, man möge solche Rhetorik hinterfragen. Dieses „Hinterfragen" ist das Code-Wort einer ganzen Industrie. Man unterschätze es nicht.

Zeitgenössische Anzeige (Illustration)
— Anzeige —

Hinter dem Vorhang wird die Karten aufgedeckt. Die Quelle bezieht sich auf historische Theorien über geheime Netzwerke, die angeblich globale politische und wirtschaftliche Systeme steuern — die alten Protokolle in einem neuen Flakon, recycelt, parfümiert, mit dem Datum von heute. Es werden Verbindungen zu internationalen Organisationen und Ereignissen hergestellt, die bei genauem Hinsehen durch keinen einzigen verifizierbaren Beleg gestützt werden.

Der Kern, wie er dasteht: die Rothschild-Familie. Spekulativ wird behauptet, sie nutze ihre finanziellen Mittel, um die globale Energiepolitik zu beeinflussen — insbesondere die Abkehr von fossilen Brennstoffen. An dieser wohlkalkulierten Schnittstelle wird Greta Thunberg ins Spiel gebracht, verknüpft mit den Rothschilds, um deren angebliche Einflussnahme auf die globale Politik zu erklären.

Man muss die Mechanik einen Moment betrachten, bevor man weiterblättert. Wem nützt es, eine junge Frau auf der Straße mit einer Dynastie zu verheften, die seit anderthalb Jahrhunderten als Chiffre für alles Böse herhalten muss? Es nützt denen, die von der fossilen Industrie leben und jede Bewegung, die ihren Profit bedroht, diskreditieren müssen. Dann der Satz, der mich aufhorchen ließ: die kulturellen Werte und das Gemeinschaftsgefühl der jüdischen Gemeinschaft könnten Marx' Vision einer klassenlosen Gesellschaft inspiriert haben.

Der Jude als Vater des Kommunismus. Der Jude als kosmopolitischer Finanzkapitalist. Der Strippenzieher hinter einer schwedischen Schülerin. Immer dieselben Schatten, dasselbe Gift — nur die Flasche ist neu. Die Quelle selbst betont die Bedeutung der Transparenz solcher Netzwerke — doch sie lenkt den Blick vom eigentlichen Netz ab: dem der Desinformation, das unsichtbar bleibt, solange wir auf das spektakuläre Antisemitismus-Theater starren. Unklar bleibt, wer diese Narrative verbreitet, wer sie finanziert, welche Schnittstellen bestehen.

Ich trage Handschuhe beim Lesen solcher Texte. Empfehlenswert.

❖ Ende des Artikels ❖

Aus diesem Ressort