Die einzelne Quelle und das Gewicht der Verifikation
Es liegt ein Bogen Papier auf dem Schreibtisch. Er trägt keine Unterschrift, die einen Namen trägt. Er trägt eine Information, die schwer wiegt. Das ist, was der Berichterstatter hat. Das ist alles, was er hat.
Man nehme es entgegen, dieses Papier, wie man ein Glas mit etwas Unbekanntem entgegennimmt. Man hebt es nicht an die Lippen, bevor man es gewogen hat. In Genf habe ich Männern zugesehen, die Verträge unterzeichneten, lächelnd, und ich habe gelernt, daß die Geste des Unterschreibens nichts beweist über die Wahrheit des Unterzeichneten. Eine Quelle, die nicht genannt werden will, ist zuerst ein Verdacht, dann vielleicht ein Dokument, niemals von Anfang an ein Zeugnis. So lautet die Regel, und wer sie bricht, bricht sie auf Kosten der Leser, die nicht wissen, daß sie bezahlen.
Die Quelle schweigt, also muß der Bericht sprechen — aber er muß es mit der Stimme eines Berichterstatters tun, der jeden seiner Sätze gegen den Strich bürstet. Behauptung: Die Information stammt aus einem einzigen Kanal. Diese Behauptung selbst ist unbewiesen; sie wird hier als Selbstauskunft des Materials behandelt und nicht als Faktum. Zu verifizieren durch Gegenbefragung, durch Aktenlage, durch zweite Quelle. Wer behauptet, ein Einzelsender zu sein, kann ein Mehrfachsender sein, der seine Spuren verwischt. Wer behauptet, nichts preisgeben zu wollen über seine Herkunft, kann gerade dadurch preisgeben, wessen Interesse er bedient. Man hüte sich, das romantisch zu finden. Romantik in der Quellenkritik ist das, was Spione sind in der Etikette: Man erkennt sie erst, wenn sie bereits im Salon Platz genommen haben.
Der Vorgang, um den es geht — und es ist ein Vorgang und keine Geschichte, solange die Verifikation nicht erfolgt ist —, erreicht die Redaktion als Behauptungskette. Eine erste Behauptung wird aufgestellt. Der Berichterstatter notiert sie, hält sie fest, und legt sogleich daneben, in einer anderen Spalte seines Notizbuchs, die Pflicht zur Gegenprüfung. Er schreibt: Zu verifizieren durch. Eine zweite Behauptung folgt. Dieselbe Prozedur. Eine dritte, vierte. Am Ende liegt ein Text vor, der die Form eines Berichts hat, aber das Rückgrat eines Kartenhauses. Jede Karte ruft nach einer zweiten, die sie stützt, und solange die zweite fehlt, ist der Stapel eine Geste, kein Bauwerk. Keine der Behauptungen darf veröffentlicht werden, bevor sie nicht durch eine unabhängige Spur belegt ist; jede einzelne trägt diese Last, und keine wird durch die Anwesenheit der anderen erlöst.
Die Verifizierungspflicht, sie sei hier beim Namen genannt, weil sie sonst verschämt im Kleingedruckten verschwindet: Jede Aussage, die aus einer unbestätigten Quelle fließt, muß benannt werden als unbestätigt, muß benannt werden in ihrer Herkunft, und muß getrennt gehalten werden von Behauptungen, die anderweitig belegbar sind. Wer das nicht tut, vermischt zwei Aggregatzustände von Wahrheit — den der beobachtbaren und den der behaupteten —, und es entsteht jener trübe Brei, in dem ein Leser schwimmt, ohne zu wissen, ob er Grund unter den Füßen hat. Das ist die alte Lüge, nur in neuer Aufmachung. Sie trägt heute keine Uniform mehr, sie trägt ein Pseudonym. Aber sie lügt noch immer lächelnd.
Nun das Eigentliche, denn es muß gesagt werden: Diese Quelle, deren Name wir nicht kennen und deren Datum wir nicht kennen und deren Anlaß wir nicht kennen, hat uns dennoch etwas gegeben. Sie hat uns eine Sache gegeben, die in einem Redaktionsraum dieser Stadt schwerer wiegt als irgendwelche konkrete Behauptungen — sie hat uns die Gelegenheit gegeben, das Verfahren offenzulegen. Wie eine Information in den Körper einer Zeitung gelangt. Welche Schritte sie durchläuft. Welche Schritte sie durchlaufen müßte. Und warum die Leserin, die heute die Seite aufschlägt, darauf vertrauen muß, daß die Schritte gegangen wurden, bevor sie es nachlesen kann.
Denn das ist die unausgesprochene Wette jeder Zeitung: Der Leser leiht der Redaktion seinen Verstand für die Dauer eines Frühstücks. Er vertraut, daß die Sätze, die er liest, eine Prüfung bestanden haben, deren Methodik er nicht kennt und nicht kennen muß. Bricht die Redaktion dieses Vertrauen — und bricht sie es nicht durch das, was sie behauptet, sondern durch das, was sie verschweigt, durch das Verschweigen nämlich ihrer eigenen Quellenlage —, dann hat sie keine Zeitung mehr geliefert, sondern ein Flugblatt. Flugblätter haben ihre Funktion. Sie sind die Münze der Straße, der Barrikade, der Panne. Eine Zeitung aber ist ein Möbelstück. Man stellt es auf, setzt sich daneben, und erwartet, daß es hält.
So halte ich es. Man nehme das Papier entgegen. Man wiege es. Man schreibe daneben, in kleiner Schrift, was zu seiner Stütze fehlt. Man veröffentliche es nicht — noch nicht. Und wenn es irgendwann veröffentlicht wird, dann mit einem Vorbehalt, der so sichtbar ist wie das Gold an einem Art-déco-Rahmen: daß jede Zeile, die hier steht, eine Verifikationspflicht mit sich trägt, die der Leser dem Berichterstatter anrechnen muß, nicht dem Inhalt, der noch unbestätigt ist.
Eine einzelne Quelle ist kein Mangel an Beweis. Sie ist ein Versprechen, das noch nicht eingelöst ist. Wer sie als Beweis führt, lügt. Wer sie als Versprechen führt und das Einlösen sichtbar betreibt, dient der Wahrheit — so unvollkommen das Geschäft auch sei.