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Die Akte Anastasiades — von Brüssel bestellt, in Nikosia geöffnet

19. Juli 2026 — — — Kastner

Es gibt Sätze, die klingen wie ein Versprechen, und es gibt Akten, die wie ein Versprechen aussehen. Die Independent Anti-Corruption Authority der Republik Zypern hat in der vergangenen Woche einen 16 000 Wörter umfassenden Text veröffentlicht, der so nüchtern daherkommt wie ein Rechnungsabschluss und doch den Staub von zehn Jahren Präsidentenwürde aufwirbelt. Nicos Anastasiades, von 2013 an zehn Jahre lang Staatschef der Insel, muss sich auf mögliche Anklagen einstellen. Die Behörde hat die Generalstaatsanwaltschaft informiert.

Die Behörde, erinnert man sich, wurde 2022 geschaffen — nicht aus eigener Einsicht der Insel, sondern auf Druck der Europäischen Union und der Vereinigten Staaten, die seit langem beobachteten, wie die Republik am östlichen Mittelmeer zu einem Drehkreuz für Vermögen aus dem Umfeld des Kreml wurde. Anastasiades war in diesen Jahren der Mann auf der Brücke, gewollt oder geduldet. Er war auch der Mann, dessen Anwaltskanzlei, die er vor seinem Aufstieg führte, in den Pandora Papers wieder auftaucht wie eine Figur, die man auf keiner Bühne sehen möchte.

Die Vorwürfe, gegen die sich der ehemalige Präsident verteidigt, sind in einem Buch versammelt, das den Titel „Kratos Mafia" trägt — auf Deutsch: „Mafia-Staat". Der Verfasser ist Makarios Drousiotis, ein Mann, der die Macht aus der Nähe kannte, ehe er sie aus der Ferne beschrieb. Drousiotis war Mitarbeiter des Präsidenten, bevor er Investigativjournalist wurde. 2022 legte er das Buch vor. Die Anti-Korruptionsbehörde hat zwei Jahre lang geprüft, einberufen, vernommen — Anastasiades selbst, „über viele Stunden, länger als einen Tag", wie es im Bericht heißt. Herausgekommen ist ein vertraulicher Schlussbericht von mehr als 3 000 Seiten.

Was die Behörde als „potenzielle Korruptionshandlungen" und „Missbrauch der Macht" benennt, sind keine Boulevard-Sätze, sondern konkrete Vorwürfe: Anastasiades soll in laufende Ermittlungen gegen Zahlungen an politische Parteien und Politiker eingegriffen haben, soll in das Einbürgerungsverfahren eines russischen Oligarchen interveniert haben, soll seine Autorität genutzt haben, um eine Anti-Geldwäsche-Untersuchung zu behindern, die seine ehemalige Kanzlei betraf. Die Kanzlei wiederum, deren Name in den Pandora Papers und im „Troika Laundromat" des Organized Crime and Corruption Reporting Project von 2019 auftaucht, soll komplexe Geschäfte konstruiert haben, die russisches Geld durch Briefkastenfirmen schleusten.

Die Behörde, das ist wichtig und es ist klug, betont in jedem Absatz die Unschuldsvermutung. Nur ein Gericht könne die Schuld eines Menschen feststellen. Anastasiades hat die Vorwürfe wiederholt zurückgewiesen. Die Akte liegt jetzt beim Generalstaatsanwalt. Was folgt, ist nicht mehr Rhetorik, sondern Verfahren.

Doch Verfahren sind in Zypern kein gerader Weg. Die Republik hat sich über Jahre als freundlicher Hafen für jene Vermögen positioniert, die woanders ungemütlich werden. Brüssel und Washington haben dies mit wachsendem Missfallen registriert. Die Behörde, die nun den ehemaligen Präsidenten ins Licht zerrt, ist ein Kind dieses Missfallens. Sie ist ein Instrument, das ohne diesen Druck nicht existierte. Man darf das erwähnen, weil es den Mechanismus erklärt: hier wird nicht nur ein einzelner Mann überprüft, sondern ein System, das ihn schützte und das ihn nun, nach seinem Ausscheiden aus dem Amt, der Prüfung übergibt.

Die Frage, wer am Ende von dieser Anklage profitiert, ist die uninteressanteste und die wichtigste zugleich. Sie ist uninteressant, weil sie nach Spekulation klingt. Sie ist wichtig, weil jede Anklage, die von einer unter politischem Druck geschaffenen Behörde gegen einen politisch ausgeschiedenen Mann erhoben wird, in einem Land wie Zypern zwei Geschichten erzählt: die Geschichte der Macht, die geprüft wird, und die Geschichte der Prüfung, die niemals ganz unabhängig ist von der Macht, die sie hervorgebracht hat.

Die Handschuhe sind angezogen. Die Akte liegt auf dem Tisch. Und Zypern liest sie jetzt, Seite für Seite, als wäre es ein Buch, dessen Autor es selbst einmal war.

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