Die Selektion an der Tür — Berghains unsichtbares Regelwerk
Es gibt Orte, an denen die Tür wichtiger ist als der Raum dahinter. Das Berghain, jener ehemalige Heizkraftwerksbau an der Spree, ist einer dieser Orte. Was dort an einem Freitagabend um Mitternacht geschieht, ist nicht bloß Einlasskontrolle. Es ist, folgt man den Schilderungen einer einzelnen Quelle, deren Angaben dieser Bericht zugrundeliegt und deren Plausibilität an dieser Stelle nicht abschließend geprüft werden kann, ein kleines Ritual der Zugehörigkeit — und der Abweisung. Wer eingelassen wird, erfährt es. Wer nicht, steht in der Schlange und rätselt.
Nach den Beobachtungen dieser Quelle vollzieht sich das Verfahren in mehreren, dem äußeren Anschein nach fließenden Schritten. Die Wartenden treten in eine Schlange, die sich, je nach Uhrzeit, über mehrere Hundert Meter erstrecken kann. Am Kopf dieser Schlange steht ein Türsteher — in der Regel ein Mann, gelegentlich eine Frau — der jeden Ankommenden mit einer Prüfung empfängt, die zwischen zwei und zehn Sekunden dauert. Was genau geprüft wird, darüber schweigt die Quelle sich aus; sie beschreibt lediglich das Ritual: ein Blick, gelegentlich eine Frage, selten mehr als zwei Worte.
Was diese Prüfung jedoch leistet, ist keine Sicherheitskontrolle im klassischen Sinne. Es geht, so legt die Darstellung nahe, um etwas anderes: um die Frage, ob der Ankommende in ein bestimmtes Bild passe — ein Bild, das von der Tür aus definiert und von der Tür aus durchgesetzt wird. Die Auswahlkriterien werden nicht kommuniziert. Sie sind, das ist der Kern des Verfahrens, unsichtbar.
Hierin liegt der Mechanismus, der über das Berghain hinausweist. Was an dieser Tür geschieht, ist eine Miniatur jener Selektionsverfahren, die unsere Gesellschaft an unzähligen Schwellen praktiziert: bei der Einladung zur Gala, beim Vorstellungsgespräch, beim Eintritt in eine Sprache, einen Berufsstand, ein Viertel. Überall wird geprüft, ob jemand „passt“ — und fast nirgends wird gesagt, nach welchen Maßstäben.
Die Quelle berichtet weiter, dass die Abgewiesenen keine Begründung erhielten. Sie würden nicht beschimpft, nicht zurechtgewiesen, schlicht nicht eingelassen. Das Türpersonal verweigere jede Erklärung. Diese Praxis führe bei den Abgewiesenen, so die Quelle, regelmäßig zu Beschämung — insbesondere dann, wenn andere Wartende den Vorgang beobachteten. Wer abgewiesen wird, erfährt seine Ablehnung öffentlich, ohne die Möglichkeit, sie zu kommentieren oder zu widerlegen.
Es ist dies ein Verfahren, das an ältere, längst vergessen geglaubte Formen gemahnt: an die Zulassung zum Salon, an die Aufnahme in eine Zunft, an den Blick des Portiers vor dem Ballsaal. Was sich geändert hat, ist die Sprache, in der es geschieht — sie ist heute die der Lässigkeit, der Geste, des scheinbar Spontanen. Was sich nicht geändert hat, ist die Strenge, mit der eine unsichtbare Schwelle verteidigt wird.
Bemerkenswert ist, dass die Auswahlkriterien, welche die Quelle vermutet — Kleidung, Gruppenzusammensetzung, Verhalten, vermutlich auch Herkunft und Habitus — weder offiziell bestätigt noch dementiert werden. Das Haus äußert sich nicht. Die Tür antwortet nicht. Wer eintritt, darf nicht fragen; wer draußen bleibt, kann nicht fragen. Die Intransparenz ist, so die Quelle, Programm: jede schriftlich fixierte Regel würde das Verfahren seines wesentlichen Elements berauben — der Willkür, die als Geschmack daherkommt.
Die politische Dimension dieses Vorgangs liegt nicht in den Personen, die dort ein- oder ausgehen, sondern in der Struktur, die er sichtbar macht. Eine Gesellschaft, die ihre Mitgliedschaft an unsichtbaren Kriterien festmacht, die keine Begründung verlangt und keinen Widerspruch duldet, produziert eine Form der sozialen Auslese, die sich jeder demokratischen Kontrolle entzieht. Sie ist privat, inoffiziell, nicht einklagbar — und gerade deshalb umso wirksamer.
Wer an diesem Abend eingelassen wird, betritt, so die Quelle, einen Raum ohne erkennbares Publikum, ohne sichtbare Bühne, ohne erklärtes Programm — und gerade dies sei Teil der Verheißung, die jene anzieht, die man einlässt. Wer abgewiesen wird, kehrt zurück in eine Stadt, die ihm keine Auskunft gibt über das, was gerade geschehen ist. Die Nacht geht weiter. Die Tür schweigt. Die Schlange wird kürzer, dann länger, dann wieder kürzer. Die Prüfung wiederholt sich, Abend für Abend, ohne Protokoll, ohne Beschwerde, ohne Möglichkeit der Revision.
Was bleibt, ist die Frage — und sie ist es wert, gestellt zu werden, auch wenn die Quelle nur eine ist und ihre Schilderung der Überprüfung bedarf: Wenn schon eine Tür zu einem Vergnügungshaus nach Regeln entscheidet, die niemand kennt und niemand benennt — wie viele andere Türen in dieser Stadt, in diesem Land, in dieser Welt tun es ihr gleich?