Die Reise nach Singapur und das Drehbuch der Unschuld
Es gibt Sätze, die wie Türen aussehen und in Wahrheit Mauern sind. „Ich laufe nicht weg und verstecke mich nicht" — der ehemalige Minister und Tiruvannamalai-MLA der DMK, E.V. Velu, sprach diese Worte am Sonntag am Flughafen von Chennai, beladen mit Dokumenten, die er nicht hätte mitführen müssen, hätte niemand nach ihm gefragt. Die Verneinung kam vor der Erklärung, die Verteidigung vor der Anklage. Eben diese Inversion verdient Betrachtung.
Was musste im Raum stehen, damit ein Politiker mit jahrzehntelanger Parteierzogenheit sich öffentlich genötigt sieht zu beteuern, er habe nichts zu verbergen? Die Antwort liegt in den Wochen zuvor. Die Direktion für Vigilanz und Antikorruption, DVAC, hatte im sogenannten Highways-Skandal ein Ermittlungsverfahren gegen ihn eingeleitet, Razzien in Tamil Nadu durchgeführt, ein Look Out Circular erwirkt. Der Madras High Court hat dieses Circular später ausgesetzt; Velu selbst versucht derzeit, die FIR vor demselben Gericht zu kippen. Fakten, die keiner Ausschmückung bedürfen — und die das Vakuum umschreiben, in welches hinein er jetzt seine Worte setzt.
Dann reiste er. Visum beantragt am 15. Juni, erhalten am 17., Flug gebucht für den 25. Bevor er am 26. endlich abflog, hatten Beamte mit Durchsuchungsbefehl sein Haus aufgesucht. Velu sagt, er habe kooperiert, die Reisepläne offengelegt und den Abflug verschoben. Man glaubt ihm oder nicht — die Sequenz bleibt bemerkenswert: Hausdurchsuchung, Verschiebung um einen Tag, dann eine Reise nach Singapur, die nachträglich als medizinisch notwendig deklariert wird.
Dort, so Velu, wurde er im Mount Elizabeth Hospital behandelt — wegen Allergien, neurologischer und kardialer Beschwerden. Er nannte den behandelnden Arzt, Dr. Jayaram Lingamanaicker, einen Tamilen, der die Abteilung leite, verwies auf Behandlungen seit 2016 sowie einen weiteren Aufenthalt 2023. Die Krankenakte zeigte er Journalisten, nannte Spezialisten und Befunde. Eine solche Akribie der Belege entspringt nicht dem Bedürfnis nach Aufklärung, sondern dem nach Immunisierung — und genau darin liegt der Kern des Vorgangs.
Indes: Während er die Therapie absolvierte, heftete die DVAC eine Vorladung an seine Wohnung, ihn am 3. Juli zu befragen. Velu bat um zehn Tage Aufschub, man einigte sich auf den 9. Juli. Er antwortete, er werde nach dem 12. Juli erscheinen. „Es besteht keine Frage, dass ich weglaufe oder mich verstecke." Das dreifache Echo ist kein Zufall. Eine Verneinung muss lauter werden, je dichter der Verdacht wird. Wer seinen Aufenthaltsort wechselt, während ein Ermittlungsverfahren läuft und eine Vorladung an seiner Tür klebt, hat — rechtlich wie politisch — eine Beweislast zu tragen, die kein Krankenhausbericht vollständig abtragen kann. Dass er diese Last auf seinem Rücken trägt, zeigt, wie gründlich die DVAC den Raum um ihn vermessen hat.
Bemerkenswert ist der Hinweis auf die parteiliche Tradition. Velu zitierte den verstorbenen Kalaignar M. Karunanidhi und den früheren Chief Minister M.K. Stalin: „Wir wurden nicht in dieser Manier erzogen." Die Sentimentalisierung der Parteibiographie verschiebt die Frage von der juristischen auf die moralische Ebene. Nicht das Gesetz beurteile ihn, sondern die Partei — und die Partei, so die Andeutung, kenne ihre Leute. Man hat diesen Schachzug anderswo gesehen, in anderen Sälen, unter anderen Porträts.
Dass er gleichzeitig auf seine Rolle als Whip der DMK in der Tamil Nadu Legislative Assembly verwies, verstärkt den Druck. Es ist die unausgesprochene Drohung: Wer mich anfasst, fasst die Fraktionsdisziplin an. Wer die Disziplin antastet, antastet die Mehrheit. Diese Grammatik versteht jeder, der einmal in einer Versammlung gesessen hat, in der ein Sitzungstag von einer einzigen Stimme entschieden wurde.
Was bleibt? Ein Politiker, der seine Krankenakte vor die Kameras hält, weil eine Antikorruptionsbehörde seine Reisefreiheit durch ein Look Out Circular einschränken wollte. Ein Richter, der dieses Circular aussetzt. Ein zweiter Richter, der noch über die FIR zu entscheiden hat. Und ein Mann, der am Flughafen steht und dreimal sagt, was er nicht ist — in der Hoffnung, dass die Wiederholung den Zweifel ersetzt. Die Mechanik ist alt, die Bühne neu, das Stück heißt: Nicht ich, nicht hier, nicht jetzt.