Post aus Berlin, Widerstand aus Düsseldorf
In der AfD werden gerade wieder fleißig Briefe geschrieben — und wer diese Partei auch nur flüchtig beobachtet hat, weiß: Wenn die Post zwischen Berlin und den Landesverbänden zunimmt, dann liegt irgendwo ein Bruch in der Luft, der noch nicht laut ausgesprochen wurde. Die aktuelle Korrespondenz trägt den Stempel eines Dramas, das noch nicht einmal richtig begonnen hat.
Am Donnerstagabend erreichte ein Schreiben der Bundesspitze den Landesvorstand in Nordrhein-Westfalen. Die Verfasser — Alice Weidel und Tino Chrupalla, das Führungsduo der Partei — forderten den Abbruch der Aufstellungsversammlung für die Landtagsliste sowie deren Neuwahl. Was als ordentlicher Parteitag begonnen hatte, war im Chaos versunken; nun also der Versuch, mit einem Machtwort aus der Hauptstadt die Dinge zu ordnen. Die Süddeutsche Zeitung berichtet übereinstimmend, dass jene Versammlung, auf der die Bewerber für die Landtagswahl in NRW bestimmt werden sollten, in einem Zustand endete, den man höflich als Desaster und weniger höflich als Bankrott der eigenen Verfahren bezeichnen könnte.
Doch Düsseldorf ist nicht so gefügig, wie es die Hauptstadt sich wünscht. Vertreter des Landesvorstandes haben Widerstand angekündigt. Es ist die Konstellation, die man aus dem Handbuch alter Machtkämpfe kennt: Eine Zentrale schreibt, eine Peripherie antwortet — und zwischen den Sätzen stehen die eigentlichen Fragen, die nach der Linie, nach den Personen, nach der Frage, wem die Partei in Nordrhein-Westfalen eigentlich gehorchen soll.
Eine dieser Fragen wird in der Berichterstattung der Welt besonders hervorgehoben. Ein Mitglied des Landesverbandes, das in dem Artikel zitiert wird, zeigt sich „fassungslos", dass Weidel sich nicht klar von sogenannten „Antifa-ähnlichen Auswüchsen" distanziere. Was genau unter diesen Auswüchsen zu verstehen ist, welche Handlungen, welche Bilder, welche konkreten Vorfälle — das bleibt in der zitierten Passage bemerkenswert vage. Es handelt sich um eine Behauptung, die ohne präzise Quellenangabe in den Raum gestellt wird; eine genauere Prüfung durch ein unabhängiges Fact-Checking-Portal wie Correctiv wäre hier angezeigt, bevor der Vorwurf als gesicherte Tatsache in den öffentlichen Diskurs wandert. Die Worte „Antifa-ähnlich" sind in einer politischen Auseinandersetzung kein neutraler Befund, sondern ein Kampfbegriff, dessen Definition darüber entscheidet, wie der gesamte Konflikt eingeordnet wird.
Die Forderung der Bundesspitze ist dabei alles andere als ungewöhnlich — und gerade deshalb bemerkenswert. Weidel und Chrupalla hatten sich erst vor wenigen Wochen auf einem Bundesparteitag als Parteispitze wiederwählen lassen, mit beschwörenden Worten von Geschlossenheit und Kompromissfähigkeit. Nun, da die Realität einer Landesversammlung dem Versprechen in die Quere kommt, werden genau jene Appelle wiederholt: Die Lager im NRW-Landesverband sollten, so heißt es aus Berlin, Kompromisse schließen. Es klingt nach dem Gestus eines Vermittlers — und es ist, wer die Sprache dieser Partei über die Jahre studiert hat, zumeist der Gestus dessen, der die Kontrolle behalten will.
Man muss diese Szene nicht überdeuten, um ihre Mechanik zu erkennen. Eine Aufstellungsversammlung zerbricht, eine Führung reagiert, ein Landesverband wehrt sich. Was die Korrespondenz offenbart, ist nicht das Wesen der Krise, sondern ihre Form: Sie wird schriftlich ausgetragen, in der Sprache der Paragrafen und Geschäftsordnungen, während das, was die Mitglieder an jenem Abend in Düsseldorf tatsächlich erlebt haben, im Halbdunkel der Berichte bleibt. Welche Kandidaten unterstützt wurden, welche Manöver im Saal stattfanden, welche Mikrofone wann abgeschaltet wurden — all das wartet noch auf eine Rekonstruktion, die über die bisherigen Schlagzeilen hinausgeht.
So lässt sich der Sachverhalt benennen, wie ihn die vorliegenden Quellen zulassen: Die Bundesspitze der AfD hat den Abbruch der NRW-Aufstellungsversammlung und deren Neuwahl gefordert. Der Landesvorstand in Düsseldorf hat sich diesem Ansinnen widersetzt. Die Auseinandersetzung wird derzeit auf dem Postweg geführt. Was zwischen diesen beiden Sätzen liegt — die Dauer der Versammlung, die Schärfe der Zwischenrufe, die genaue Wortwahl der internen Schreiben — ist jenes Material, dem eine investigative Berichterstattung nachzugehen hätte. Die Süddeutsche Zeitung, die Welt und andere Häuser haben erste Hinweise geliefert; die vollständige Aufklärung indes, das darf man in diplomatischen Kreisen sagen, ist damit noch nicht geleistet.
Und so bleibt am Ende dieser Notiz ein Bild, das älter ist als jede Partei und jünger als keine: Menschen, die sich Briefe schreiben, während das Gebäude, in dem sie stehen, leise zu knacken beginnt.