Die Woche der Wahrheit — und wer sie übersteht
Die Konzerne, die diese Republik einst erbauten, sterben nicht. Sie werden umgeschrieben. Das ist die unausgesprochene Grammatik jener »Woche der Wahrheit«, die Volkswagen gerade durchläuft — jener Tage, in denen Vorstandschef Oliver Blume um seine Position und das Unternehmen um seine Identität ringt. Was wie ein ökonomisches Beben inszeniert wird, liest sich bei näherer Betrachtung wie die Choreografie einer Verlagerung, die ihre Gewinne längst geborgen hat, bevor der erste Arbeiter die Werkstatt verlässt.
Denn das Muster ist erkennbar. Da ist die Rhetorik der »schmerzhaften, aber notwendigen Entscheidungen«, mit der Management und Aufsichtsrat die Öffentlichkeit seit Wochen auf Stellenabbau einstimmen. Da sind die Andeutungen über Standorte, die »auf den Prüfstand« gehörten. Da ist das Vokabular einer Krise, die wie ein Naturereignis daherkommt — als hätte niemand sie gemacht, als hätten Aufsichtsräte sie nicht mitbeschlossen, als wäre der Niedergang einfach geschehen.
Doch die Wahrheit, die diese Woche tragen soll, ist eine andere als die, welche die Pressekonferenzen bespielen. Sie liegt in der Schicht darunter: in einer Energiepolitik, die deutsche Standorte über Jahre unrentabel gemacht hat. Sie liegt im Regulierungsrahmen zu Klima und CO2, der europäischen Herstellern Lasten aufbürdet, die ihre Wettbewerber in anderen Märkten nicht tragen. Sie liegt in der Bürokratie, die Entscheidungen verschleppt, bis sie nur noch als Notfallmaßnahmen daherkommen — und in einem Bildungssystem, das die Fachkräfte, die für die Transformation nötig wären, nicht mehr in ausreichender Zahl liefert.
Das sind die Lastenhefter der Misere, und sie wurden nicht in Wolfsburg geschrieben. Sie wurden in Brüssel verabschiedet, in Berlin verhandelt, in den Hauptstädten der Länder zementiert. Die Politik, die Volkswagen heute stranguliert, ist dieselbe Politik, die das Unternehmen über Jahrzehnte fütterte — mit Subventionen, mit Standortzusagen, mit der gepflegten Illusion einer Wettbewerbsfähigkeit, die es politisch zu erhalten galt.
Nun also die »Wahrheit«. Sie wird, das ist absehbar, in Form von Werksschließungen, in Zahlen zum Stellenabbau und womöglich in der Demission einzelner Köpfe daherkommen. Oliver Blume, dessen Scheitern zur Überlebensfrage für das Unternehmen selbst wurde, steht symptomatisch für eine Generation von Managern, die die Transformation als Marketing begriff, nicht als industrielle Aufgabe. Er wird gehen oder bleiben — beides ist eine Entscheidung der Eigentümer, nicht der Belegschaft.
Und hier öffnet sich der Spalt, über den zu berichten ist. Während die Belegschaft um Arbeitsplätze bangt, sortiert sich anderes: Zulieferer kalkulieren ihre Abhängigkeit neu. Investoren, die in den vergangenen Jahren in die Elektromobilität drängten, ziehen sich zurück oder suchen neue Häfen. Die Honorare der Berater, die den Niedergang begleiten werden, sind bereits eingeplant. Und die Industrieflächen von morgen — sie haben bereits Interessenten, die nicht mehr Automobile auf ihnen herstellen wollen.
Die Wahrheit dieser Woche ist also nicht allein die Wahrheit eines Unternehmens in Not. Sie ist auch die Wahrheit einer Wirtschaftsordnung, die ihre Lasten an die Beschäftigten und die Standorte weiterreicht, während die Erträge ihrer Nutznießer andernorts bilanziert werden. Wer am Ende kassiert, werden die Geschäftsberichte der nächsten Jahre zeigen. Bis dahin gilt, was in jedem Niedergang des Industriezeitalters galt: Die Wahrheit ist das, was übrig bleibt, wenn die Worthülsen verklungen sind.
Man trägt Handschuhe, wenn man das schreibt. Nicht weil die Hände zittern. Sondern weil die Tinte sauber bleiben soll.