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ibuster: Das langsame Gift der NRW-AfD

22. Juli 2026 — — — Kastner

Es gibt Tage, an denen eine Partei nicht zerbricht, sondern zeigt, wie tief der Bruch bereits ist. Der Landesparteitag der AfD Nordrhein-Westfalen am vergangenen Wochenende, über den die „taz" am 16. Juli 2026 berichtete, war ein solcher Tag. Was ihn von früheren Zerwürfnissen unterscheidet, ist die Dokumentation: Eine Telegram-Chatgruppe namens „Operation Filibuster" hat die Blockade protokolliert — mit Anweisungen, Namenslisten und der unverhohlenen Freude ihrer Mitglieder über das eigene Vorgehen. Die „taz" liegt Screenshots vor.

In dieser Gruppe plante das Lager um den Bundestagsabgeordneten Matthias Helferich, den die „taz" als „freundliches Gesicht des NS" charakterisiert, jene Blockade, die den ersten Versuch der Listenaufstellung für die Landtagswahl 2027 in weiten Teilen zerschlagen sollte. Für Listenplatz 22 wurden über hundert Kandidaten vorgeschlagen — häufig junge Nachwuchsradikale, denen jeweils acht Minuten Redezeit zustanden. Das Ergebnis: Am Sonntag konnte ein einziger Listenplatz gewählt werden. Insgesamt will die AfD in NRW 80 Kandidaten aufstellen. Der Parteitag wird an diesem Wochenende fortgesetzt.

Zunächst hatte der Parteitag geräuschlos begonnen. Der Landeschef Martin Vincentz wurde als Spitzenkandidat bestätigt, mit einer Mehrheit von rund 55 Prozent — nach AfD-Maßstäben ein stabiles Ergebnis. Sein Lager brachte die eigenen Kandidaten konsequent durch; Kandidaten des verfeindeten Lagers erreichten meist nur etwa 40 Prozent. Ab Listenplatz 22 wechselte das Helferich-Lager die Taktik und ging zur offenen Blockade über, mit dem erklärten Ziel, Verhandlungen über die restlichen aussichtsreichen Plätze zu erzwingen.

Die Methode trägt einen Namen: Filibuster, importiert aus dem US-Senat, wo Minderheiten durch endlose Reden Entscheidungen verzögern. In der Telegram-Gruppe wurde das Vorgehen abgestimmt. „KI-Reden gibt es bei mir!", schrieb ein Landtagsabgeordneter. Ein Mitarbeiter eines Bundestagsabgeordneten formulierte es so: „Es ist wichtig, dass alle Kandidaten die 8 Minuten Redezeit auch ausschöpfen." Ein anderer gab konkrete Anweisungen: „Bitte langsam zur Bühne, langsam reden, Sprechpausen machen."

Die Chatgruppe wurde nach Angaben der „taz" von Vizeparteichef Sven Tritschler angelegt, der als Vertrauter der Bundesvorsitzenden Alice Weidel gilt. Tritschler ist Mitglied der Gruppe und trat als Administrator auf. Was dort koordiniert wurde, war eine parteiinterne Blockade — sichtbar in den Chatnachrichten, in den Namenslisten, in den Fotos, die heimlich vom gestressten Landeschef gemacht wurden und den Mitgliedern, wie die „taz" berichtet, sichtlich Freude bereiteten.

Die Lage auf dem Parteitag ist nach Darstellung der „taz" offen eskaliert. Gegenseitige Bezichtigungen als „Kameradenschweine" stehen im Raum, es soll zu Handgreiflichkeiten gekommen sein, Strafanzeigen wurden gestellt. Auch Weidel selbst steht in der Kritik — dass ihr Vertrauter die Chatgruppe als Administrator führt, wirft Fragen über Wissen und Verantwortung auf, die über NRW hinausreichen. Welche dieser Vorwürfe im Einzelnen haltbar sind, lässt sich derzeit nicht abschließend beurteilen.

Was die dokumentierten Chatnachrichten zeigen, ist keine Mutmaßung über internen Streit. Sie zeigen Streit — datiert, mit Zeitstempeln versehen, mit konkreten Handlungsanweisungen an die Teilnehmer. Die Blockade richtete sich nicht gegen politische Gegner, sondern gegen die eigene Mehrheit. Wer in einem Landesverband mit einer Mehrheit von 55 Prozent regiert und dennoch von einer Minderheit an der Aufstellung der Landesliste gehindert wird, hat ein handwerkliches Problem — und es ist ein Problem, das in einer Chatgruppe schriftlich festgehalten wurde.

Ob die „Operation Filibuster" am Ende Erfolg haben wird, entscheidet sich am kommenden Wochenende. Ob die AfD in NRW aus diesem Parteitag als handlungsfähiger Verband hervorgeht, ist eine offene Frage. Die vorliegenden Quellen erlauben keine Spekulation über die Motive der einzelnen Akteure — sie zeigen aber eine Struktur, in der Teile eines Landesverbands bereit sind, die eigene Aufstellungsversammlung lahmzulegen, um Mehrheitsverhältnisse neu zu verhandeln. Die Handschuhe, mit denen diese Partei auftritt, sind inzwischen so dünn, dass man die Hände darunter erkennt.

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